10. Kapitel - Eywas Vergebung
Sowohl Neytiri als auch Samara waren eingeschlafen und ein kalter Lufthauch umwehte sie plötzlich, ohne das eine von beiden es bemerkt hätte.
Dann wurde die Landschaft um beide herum eine andere: Samara und Neytiri hatten beide den selben Traum, doch gleichzeitig war es mehr als das: Eywa sprach zu ihnen und für beide war es eher eine Art Vision, was sie nun sahen:
Jede von ihnen befand sich an dem alten Lebensbaum, der eigentlich gar nicht mehr existierte, da er vor gefühlten Ewigkeiten von den Menschen, zu denen Jake ja auch einmal gehört hatte, zerstört worden war. Er sah aber noch genauso aus wie damals, doch weder Neytiri, noch Samara, die diesen Baum noch nie gesehen hatte, wunderten sich darüber.
Unabhängig voneinander knieten sich beide hin und küssten den Stamm, der riesig vor ihnen in die Höhe schoss. Sie wussten instinktiv, wo sie waren, beziehungsweise, mit welcher Macht sie es zu tun hatten.
Weiche Winde durchzogen sie und umspielten ihre Haare, zogen durch ihre Gesichter - und für beide fühlte es sich an, als würde sie jemand streicheln. Es war ein sanftes Gefühl, und Neytiris Augen füllten sich mit Tränen, obwohl sie eigentlich nicht weinen wollte. Zu weinen, Gefühle zu zeigen, war eine Schande; es war Schwäche, die sie sich nicht leisten konnte, gerade jetzt, in dieser furchtbaren Zeit. Dennoch konnte sie vor Eywa, der Kraft, die sie nun umgab, nicht anders. Sie musste ihre Gefühle offenbaren, denn vor Eywa konnte man nichts verbergen.
Auch Samara erging es ähnlich. Sie weinte zwar nicht, aber sie fühlte ebenfalls Schmerz. Keine körperlichen, diese schienen hier ausgeschaltet zu sein; doch es war ein innerer, tiefer Schmerz, den sie nicht einmal wirklich erklären konnte.
Und sie dachte an ihren Vater. Jake, der sie gerettet hatte, und sich so den Unmut ihrer ganzen Sippe - einschließlich des obersten Kriegers neben ihm - Tsu'tey - eingehandelt hatte. Doch er hatte es für sie getan - ohne darüber nachzudenken was er tat und was dies für Konsequenzen haben würde. War das so furchtbar? War das ein Grund, ihn zu ächten? Musste er etwa dafür sterben?
Samara wusste nicht weshalb, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, deswegen hier zu sein. Sie musste um Gnade bitten. Eywa, als oberste Gottheit ihres Stammes, und ihrer Welt, dazu zu bringen, Jake das, was er getan hatte, zu vergeben.
Doch sie brauchte gar nicht erst zu beginnen. Sowohl sie als auch ihre Mutter hörten die Stimme des Windes sanft um ihre Ohren rauschen, als sie begann, zu sprechen:
"Hör mir zu, mein Kind", sagte die Stimme und sie meinte sowohl Neytiri als auch Samara: "Die Welt um euch herum hat sich gewandelt. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Und Veränderung ist immer etwas Gutes und etwas Schlechtes zugleich. Alles hat zwei Seiten, und es liegt an jedem selbst, wie man es betrachtet. Mit Jake Sullivan ist eine neue Macht nach Pandora gezogen. Doch nicht alles was neu ist, ist auch etwas Schlimmes..."
Sowohl Samara als auch Neytiri hörten mit beinahe angehaltenem Atem und in Ehrfurcht zu, und besonders Neytiri hatte das Gefühl, nichts von dem verpassen zu dürfen, was ihr nun gesagt wurde. Eywa sprach zu ihr und es hatte einen ganz besonderen Grund, weshalb sie es tat! Dann fuhr die Stimme fort; der Wind wisperte weiter und gespannt folgten Samara und ihre Mutter ihren Worten: "Nicht alles an den Menschen war schlecht. Samara hat es bereits gesagt: Auch in dieser Welt wird es Zeit, Veränderungen einkehren zu lassen - wenn sie dazu gebraucht werden, Gutes zu tun! Und was kann besser sein, als Leben zu erhalten? Sag es mir, Kind. Was kann es Besseres geben, als das?!"
Der Wind wurde stärker, der durch Samara und Neytiri wehte; ihre Haare verwirbelte, und dann wieder etwas abebbte, bevor die Stimme fort fuhr: "Tsu'tey meint es gut! Er ist ein guter Krieger und ein treuer Mann, doch auch er muss lernen, Veränderungen zu erkennen. Der Geist dieser Welt ist nicht tot. Und er würde keine Veränderungen gelten lassen, die wider die Natur sind.
Leben ist nicht wider der Natur! Denk immer daran, mein Kind! Eywa beschützt alles. Vergiss dies nie und verliere niemals den Glauben!"
Die Stimme war leiser geworden und auch der Wind wurde langsam ruhiger - bis er nur noch ein kleiner Hauch war, der zum Schluss noch einmal durch Samaras und Neytiris Haare strich - dann war er fort; und beide wurden mit einem Schlag wach.
Zuerst waren sie gleichsam verwirrt. Neytiri saß immer noch auf dem Platz, an dem sie gesessen hatte, und blickte zu Samara herüber - und bemerkte, dass diese ebenfalls wach geworden war.
Sie schien gleichzeitig mit ihr aufgewacht zu sein, und auch ihr Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass sie etwas "gesehen" oder erlebt haben musste, was sie irritiert zu haben schien.
Langsam stand Neytiri auf, und lief zu Samara, die wieder auf ihr Kopfkissen gesunken war, und sich den Kopf hielt. Diese blickte zu ihrer Mutter hin und in ihren Augen stand eine Frage, die sie gar nicht auszusprechen brauchte; Neytiri verstand es plötzlich.
Mit belegter Stimme flüsterte sie: "Hattest du auch diesen Traum"? und Samara nickte. Beide wussten es: Es war kein Traum gewesen! Eywa hatte zu ihnen gesprochen, zu ihnen beiden, obwohl in ihrem Traum nur jeweils einer von ihnen an dem Baum gewesen war. Den Baum, den es schon seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr gab. An seiner Statt war ein anderer, neuer Baum gesäht worden, doch dieser war nicht halb so hoch und dick, wie der ehemalige gewesen war. Und daher wussten beide, dass es ein Traum gewesen war; dennoch war ihnen instinktiv klar, dass es mehr war als das: Es war eine Vision! Und ihnen beiden wurde bewusst, was Eywa ihnen damit hatte sagen wollen: Sie hatte akzeptiert, was Jake getan hatte. Sie hatte ihm die Absolution erteilt, für das, wofür er von den anderen - besonders Tsu'tey - noch geächtet wurde. Auch, wenn sie ihn noch nicht bestraft hatten, war ihnen beiden klar, dass dies nur noch nicht geschehen war, weil es um das Leben der anderen Frauen und der Mädchen ging, einschließlich Tsu'teys Tochter, und dass sie Jake brauchten, weil er einer der besten Krieger war. Doch natürlich wussten sie auch, was auf Jake wartete, wenn sie erfolgreich waren, und nach Hause kommen würden...
Und Neytiri wusste nun auch, weshalb sie diesen Traum gehabt hatte: Samara hatte es vor ihr gewusst! Sie war diejenige gewesen, deren Worte Eywa bestätigt hatte. Ihre Tochter hatte es erkannt - und sie war eines besseren belehrt worden. Sie musste ihrem Mann beistehen, wenn er wieder zurück kehren würde.
Ein Stich durchzog Neytiris Herz: WENN er wieder zurück kehren würde! Würde er das? Sie wusste, dass es ein tödlicher Krieg war, in den sie nun zogen, gegen welchen Feind auch immer; was war, wenn sie ihren geliebten Mann niemals wieder sehen würde? Und Samara ihren Vater auf ewig verlor? Und das letzte, was sie zu ihm gesagt hatte, waren hässliche Worte gewesen?
Nein, das konnte Eywa ihr nicht antun! Das durfte nicht passieren! Doch sie konnte nichts ändern. Was auch immer geschah, sie musste auch hier auf die Gnade Eywas hoffen und für Jake, Tsu'tey und ihre Krieger beten. Und für ihre eigene Seele.
Und wenn Jake und die anderen es schaffen sollten - und das MUSSTEN sie - dann würde sie ALLES daran setzen, ihrem Geliebten beizustehen. Ganz egal, was dann auch auf sie zukommen sollte. Samara hatte Recht: Es wurde Zeit, Veränderungen einzuführen. Auch, wenn diese menschlich waren. Nicht alles war schlecht, und ihr geliebter Ehemann war menschlich! Und sie wusste, dass er eine Seele von Mann war: Stolz und stark wie ein Na'vi, sanft und liebevoll wie ein Mensch.
Und das war ihre nächste Aufgabe - dies ihrem Clan, und in erster Linie Tsu'tey, zu erklären. Es ihnen begreiflich zu machen, und Neytiri wusste, dass dies nicht einfach werden würde. Sie waren durch Worte nicht so einfach herum zu bekommen - vor allem Tsu'tey nicht. Und ob sich Eywa auch ihnen zeigen würde? Sie bezweifelte es...
Doch schließlich nahm sie Samara in den Arm, die die ganze Zeit nichts gesagt hatte, und drückte sie an sich: "du hattest Recht, mein geliebtes Kind! Ich hoffe, du kannst mir vergeben. Ich werde alles tun, wenn dein Vater wieder hier ist, um ihm beizustehen! Und wir müssen beten - zu Eywa beten, dass er es heil übersteht. Er und alle, die mit ihm in diesen grausamen Kampf ziehen. Und für unsere Freunde..." Dann brach ihre Stimme. Sie begann tatsächlich zu weinen, und es machte ihr nicht einmal etwas aus.
Ja, der Traum hatte sie verändert, und doch war es eine gute Veränderung, das spürte sie.
Und auch Samara spürte es. Sie hatte wieder Schmerzen, jetzt, wo sie wach war, doch sie ignorierte die Hammerschläge in ihrem Kopf.
Langsam umarmte sie ihre Mutter, die sie in den Armen hielt, als wollte sie sich davon überzeugen, dass es Wirklichkeit war, und keine Illusion - oder Teil ihres Traums. Doch es war tatsächlich Realität. Der Traum war vorüber und er hatte etwas bei ihrer Mutter verändert. SIE war verändert. Und es war zum Besseren!
Sie wussten beide nicht, wie lange sie so verharrt hatten, dann ließ Neytiri ihre Tochter langsam los und strich ihr sanft durch ihr Gesicht. Samara sah sie an. "Ich liebe dich.." flüsterte sie, und Neytiri nickte. "Ich dich auch! Und ich schäme mich dafür, dass ich es dir nicht schon viel früher gesagt habe, mein geliebtes Kind", fügte sie noch einmal hinzu. Doch Samara schüttelte den Kopf: "Das brauchst du nicht! Es war deine Stärke, dein Wesen - und auch dies ist ein Teil von mir! Ich bin du - und ich bin stolz darauf!"
Wieder umarmte Neytiri sie und küsste sie auf die Wange und auf ihre Stirn. Dann blickte Samara ihre Mutter an und in ihren Augen standen Tränen als sie schließlich, mit belegter Stimme fragte: "glaubst du, dass Vater und die anderen es schaffen werden? Ich meine, den Kampf mit unserem Feind? Und unsere Freunde zu befreien - Tanía?" Ihre Stimme brach ein, als sie an ihre Freundin dachte. Was wohl mit ihr geschehen war? Was sie gerade durchmachte? In der Gewalt ihrer Feinde?
Neytiri antwortete nicht direkt. Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Und im Grunde brauchte sie das auch nicht, Samara verstand auch so. Neytiri drückte schließlich ihre Hand und sagte, ebenfalls leise: "Wir müssen glauben! Glauben und zu Eywa beten, dass sie unsere Männer nicht im Stich lässt. Ihnen Kraft gibt! Dass sie auf Vaters Seite steht, wissen wir jetzt; immerhin hat sie uns diesen Traum geschickt. Uns beiden! Als Zeichen, dass sie das, was er getan hat, und noch tun wird, akzeptiert. Sie akzeptiert ihn als einen der unseren und egal, was noch geschehen wird, sie wird auch Tsu'tey und den anderen Zeichen geben - welcher Art auch immer diese sein werden"...
Neytiri war sich ziemlich sicher, dass Tsu'tey und auch die anderen Krieger nicht für Visionen dieser Art empfänglich waren, zumal sie keine Zeit zum Schlafen haben würden - aber irgend eine Art von Hilfe würde Eywa auch ihnen geben, davon war sie überzeugt.
Und dann strich sie noch einmal über Samaras Kopf und sagte leise, aber bestimmt: "Du musst jetzt wieder schlafen! Es ist alles gut, mein liebstes Kind. Eywa wird es schon richten! Sie wird uns nicht im Stich lassen - und was dann geschieht, wenn alle wieder sicher zu Hause sind, das werden wir dann sehen, wenn es soweit ist. Eines nach dem anderen. Doch nun kurier dich erst einmal aus, du bist noch zu schwach. Du musst schlafen!"
Ihr Ton war wieder streng geworden und duldete keine Widerrede; und auch, wenn Samara noch mehr Fragen auf der Seele brannten, so war ihr klar, dass sie jetzt erst einmal keine Chance hatte, ihre Mutter hatte wieder die alte Stärke zurück. Dennoch fühlte sie, dass sich etwas an ihr verändert hatte, und das würde auch ewig so bleiben. Dank Eywa!
Lächelnd schloss Samara erneut die Augen und war in wenigen Sekunden eingeschlafen. Neytiri blieb dieses Mal neben ihr sitzen, die Hand ihrer Tochter in ihrer und nahm sich vor, nicht noch einmal einzuschlafen. Ihre Sinne waren geschärft. Außer ihr waren nicht mehr so viele Frauen hier, die kämpfen konnten, sollte der Feind wieder kehren. Und die meisten ihrer Männer waren fort, auf der Suche nach ihm.
Neytiri fröstelte. Sie hatte sich noch gar keine großen Gedanken über diesen fremdem Stamm gemacht, der sie angegriffen und all das Furchtbare getan hatte. Was waren das für Fremde? Waren sie vergleichbar mit ihren früheren Feinden, den Menschen? Oder waren sie noch schlimmer? Was würde ihre Männer erwarten? Sie wusste es nicht, doch es machte sie nervös. Sie schärfte ihre Sinne aufs äußerste, und auch, wenn sie neben ihrer Tochter saß und auf sie acht gab, während sie schlief, so ließ sie auch nicht die Worte außer acht, die sie draußen bemerkte. Noch war es ruhig. Außer den Geräuschen der Männer, die geblieben waren um alles wieder aufzubauen was die Fremden zerstört hatten, und der Frauen und wenigen Kinder, die den Angriff überlebt hatten und die sich langsam unter deren Aufsicht aus ihren Verstecken trauten, war es ruhig.
Doch Neytiri wusste: dies konnte trügen. Sie musste wachsam sein - noch einmal kam kein Feind an ihr vorbei! Sie würde hier alles verteidigen - und vor allem ihre Tochter! Und wenn es das letzte war, was sie tat. Ihre Tochter war es wert, für sie zu sterben und sie würde ihr Leben für sie geben! Doch dazu würde sie es erst gar nicht kommen lassen. Dennoch kam sie nicht umhin, dass dunkle Gedanken in sie zogen, während sie neben Samara saß und sie bewachte...

