13. Kapitel - Samaras 2. Traum

Es war einige Zeit vergangen, Neytiri wusste selber nicht wie viel, als sie von einer Frau aus ihrer Sippe gerufen wurde. Samara schlief immer noch, und Neytiri sah an ihrem Gesicht, dass ihr Zustand bereits etwas besser geworden war. Sie schwitzte nicht mehr und auch ihre Kopfwunde, auf der immer noch der Verband aus Blättern lag, blutete nicht mehr. Dennoch spürte Neytiri, dass ihre Tochter noch schwach war. Sie hatte viel Blut verloren, und sie war kurzfristig im Reich der Toten gewesen - bis Jake sie heraus geholt hatte. Neytiri fröstelte es immer noch, als sie daran zurück dachte. Doch gleichzeitig wusste sie, dass Eywa es guthieß, und so akzeptierte sie es schließlich auch.
Dann hörte sie die Stimme der Frau erneut und Neytiri blickte auf. "Es tut mir leid, aber wir brauchen dich. Der Rat hat diejenigen unter uns zusammen gerufen, die jetzt und hier als Anführer gelten, solange unsere Männer, und allen voran, Tsu´tey, fort sind. Bitte komm mit, du bist unsere stärkste Frau und gehörst dem Rat an - Sie erwarten dich." Und sie verbeugte sich kurz.

Neytiri blickte Ennara an und wusste nicht, was sie denken sollte. Wurde sie wirklich noch akzeptiert, nachdem was Jake getan hatte? Sie wusste, dass Eywa es duldete, doch außer ihr - und Samara natürlich - wusste es niemand, und ob sie es ihnen glauben würden, wusste sie auch nicht! Dennoch gab es einen Grund, dass der Rat sie nun sehen wollte, und welcher es nun immer war, sie musste dem Ruf folgen.
Langsam stand sie auf und strich Samara noch einmal durch ihr Gesicht. Dann küsste sie ihre Tochter auf die Stirn und drehte sich um. Samara würde schlafen, davon ging sie jedenfalls aus, und hoffte auch, dass in der Zeit, in der sie fort war, niemand kommen würde. Es gab noch einige Arbeiter, die in der Nähe alles wieder aufbauten, und einige Wachen, die Alarm schlagen würden, wenn diese Bastarde wieder auftauchen würden. Und so verließ Neytiri ihre Stätte, ohne sich noch einmal nach Samara umzusehen. Sie hatte keine Ahnung, dass es für lange Zeit das letzte Mal sein würde, dass sie ihre Tochter sah...

Kurze Zeit, nachdem Neytiri fort gegangen war, schien es Samara, als würde sie aus einem langen, dunklen, Tunnel heraus finden und auf ein helles Licht zusteuern. Sie wusste nicht, was sie hinter diesem Licht erwartete, doch sie ahnte, dass sie es heraus finden musste. Mit klopfendem Herzen folgte sie einem Gefühl, das sie immer weiter in diese Richtung trieb. Dann hatte sie das "Licht" oder was auch immer es war, erreicht.
Sie trat hinein. Zuerst war sie beinahe blind, da es dort extrem grell war, und sie war gezwungen, ihre Augen zu schließen. Als sie diese schließlich wieder öffnete, sah sie ein grauenhaftes Bild vor sich: Sie erblickte eine fremde Umgebung, Samara hatte keine Ahnung, wo sie sich befand, doch kurze Zeit später erblickte sie jemanden, den sie kannte - sehr gut sogar.. Es war Tanía! Samara war geschockt, wie ihre Freundin aussah: Ihr Gesicht war eine einzige, starre Fratze, sie wirkte grausamer als ihr Vater, wenn er auf Jagd war, oder kämpfen musste. Samara kannte Tsu´tey und sie wusste, wie er sein konnte, wenn er gezwungen war, zu töten. Doch sie wusste auch, dass er nicht aus Spaß tötete. Es war ein Kampf für ihn, genauso wie auch für Samaras Vater.

Doch was Samara jetzt und hier in Tanías Augen lesen konnte, war Blutgier und reiner Hass. Auf was oder wen, konnte Samara zuerst nicht erkennen, aber dann realisierte sie eine Art Kampfarena auf der Tanía stand - und anscheinend auf jemanden wartete. Und dann sah sie ein Mädchen aus ihrem eigenen Stamm, die ebenfalls in die Kampfarena geführt wurde. Samara stand als eine Art Beobachter da und konnte nichts dagegen tun, als die beiden schließlich mit einem Kampfschrei aufeinander zu stoben - und sich mit Messern attackierten. Das andere Mädchen hatte keine Chance - sie wurde von Tanía regelrecht zerfleischt.
Und Samara konnte spüren, was Tanía spürte - es war ein grauenhaftes Gefühl aus Hass, Wut und Überheblichkeit, das so gar nicht zu ihrer Freundin passte. Zudem war Tanía blutüberströmt, denn sie badete sich regelrecht im Blut der "Feindin"...

Als der Kampf schließlich zu Ende war, riss Tanía die Arme hoch und schrie. Es war ein Jubelschrei, ein Zeichen eines tatsächlichen Blutrausches. Und dann sah Samara, wie einer der feindlichen Krieger kam und Tanía zu sich heran zog. Sein Gesicht war zu einer lächelnden Fratze verzogen, als er ihren Kopf nach hinten riss - und ihr einen Trog an den Mund setzte. Und Tanía umfasste diesen und trank die Flüssigkeit, die in ihm war; es war beinahe, als hätte sie darauf gewartet: Sie zog regelrecht den Inhalt in sich hinein, und Samara wusste, dass es eine Droge war, die sie bekam. Sie wollte ihr helfen, wollte ihr zu schreien, dass sie es fallen lassen sollte - doch es kam kein Ton aus ihr heraus. Stattdessen wachte Samara schweißüberströmt in ihrem Feldbett auf..

Zuerst sank sie wieder zurück. Ihr Kopf platzte beinahe und sie konnte nichts sehen, da kleine, bunte Punkte um sie herum wirbelten. Sie spürte, wie ihr Magen sich aufbäumen wollte, doch sie konnte es gerade noch verhindern ihn zu entleeren, in dem sie die ersten Sekunden die Augen geschlossen hielt und so langsam wie es ihr nur möglich war, ein- und ausatmete.
Schließlich ging es ihr besser. Sie versuchte erneut, die Augen zu öffnen, und zumindest die Punkte waren fort. Sie konnte erkennen, dass sie in ihrer Umgebung war, in der sie - vor wie langer Zeit wusste sie nicht - eingeschlafen war, doch sie sah ihre Mutter nirgends. War Neytiri nicht bei ihr gewesen? Langsam versuchte sie erneut, sich aufzusetzen, und dieses Mal funktionierte auch dies. Die Schmerzen in ihrem Kopf stiegen an, doch das ignorierte sie. Sie bemerkte, dass ihre Mutter tatsächlich nicht da war, und ihr erster Impuls war, jemanden aus ihrem Stamm zu rufen, um zu fragen, wo sie sich aufhielt. Doch dann hatte sie plötzlich eine andere Idee, und es wirkte beinahe wie fern gesteuert: Samara ging davon aus, dass es einen Grund gab, weshalb ihre Mutter nicht bei ihr war. Vielleicht wurde sie fort gerufen? Dann war dies bestimmt wichtiger als sie. Und Samara wusste auch, dass es einen Grund gab, weshalb sie dieser Traum erreicht hatte. Eywa hatte ihn geschickt!
Sie musste zu ihr! Und dann musste sie es schaffen, Tanía zu finden, um sie von dem abzuhalten, was diese im Begriff war zu tun! Samara konnte nur hoffen, dass Tanía noch nicht soweit war.

Vielleicht war dies eine Art Blick in die Zukunft gewesen? Es kam zwar nicht oft vor, dass so etwas geschah, aber Samara wusste, dass es in der Vergangenheit einige Male vorgekommen war, dass Eywa empfänglichen Omaticaya Träume geschickt hatte - Träume von Dingen, die kurze Zeit später tatsächlich geschehen waren.
War sie empfänglich für so etwas? Bis jetzt hatte sie dies noch nie erlebt, aber dieses Mal ahnte sie, dass es so war. Sie war von Eywa auserkoren worden, und wenn jemand eine Chance haben würde, Tanía von dem abzuhalten, was wohl aus ihr werden sollte - eine grausame, unter Drogen stehende Mörderin - dann war nur sie das!
Jake und Tsu´tey waren fort. Neytiri ebenfalls. Natürlich könnte Samara sie suchen, aber es würde zu lange dauern, bis sie ihre Mutter gefunden und ihr alles erklärt hatte. Und Samara war klar, dass Neytiri sie in ihrem Zustand nicht gehen lassen würde. Doch diesem unbestimmten Gefühl, das in ihr stetig wuchs, und das Samara weder sich noch anderen erklären konnte, musste sie nachgehen - nur sie alleine!

Und so stand Samara schließlich von ihrem Lager auf und merkte direkt, wie schwach sie war. Sie sank zuerst wieder zurück. Ihr Kopf zersprang beinahe, und als sie ihre Hand zu dem Verband führte, merkte sie, dass ihr Hinterkopf dick und angeschwollen war. Sie zuckte zusammen und zog die Hand wieder zurück. Dennoch wusste sie, dass sie keine andere Chance hatte. Wieder stand sie vom Lager auf und blieb schließlich stehen. Ihr war erneut schwindelig, doch sie setzte langsam einen Schritt vor den anderen. Ihr war bewusst, dass sie es ohne Eywas Hilfe nicht schaffen würde, deswegen wusste sie, wohin sie als erstes gehen musste. Doch sie musste den Weg schaffen, was nicht so sicher war. Zudem durfte sie keiner sehen, denn jeder, der sie so aufgreifen würde - angefangen natürlich mit Neytiri, aber auch die anderen - würden sie sofort wieder zurück in ihr Lager stecken. Denn natürlich wusste auch Samara, dass sie eigentlich hierher gehörte. Und ob sie das, was sie nun vorhatte, schaffen würde, wusste sie auch nicht, aber es blieb ihr keine Wahl! "Tut mir leid, Mutter... Mutter, Vater.. Ich liebe euch! Möge Eywa über euch wachen, vielleicht sehen wir uns wieder.." flüsterte sie, dann verließ sie langsam, mehr schwankend als laufend, ihr Lager.

Kurioserweise folgte ihr niemand, auf ihrem Weg. Sie sah niemanden, als sie sich, immer ihrer Eingebung folgend, auf den Weg zum Lebensbaum machte. Dies war ihr erster Impuls, sie wusste, dass dort der einzige Ort war, wo sie neue Kraft und neues Leben bekommen würde. Sollte sie es aber nicht schaffen, überhaupt dorthin zu gelangen, würde sie sterben, das war ihr bewusst. Dennoch lief sie irgendwie weiter. Ihr war schlecht. Dann kamen die bunten Flecken wieder, die sie schon einmal gesehen hatte, und ihr Magen drehte sich auch wieder. Und dieses Mal konnte Samara es nicht verhindern, dass sich ihr Inhalt nach oben stülpte..
Sie kniete sich in einen Busch und entlud sich. Mehrere Male und ihre Schmerzen stiegen an. Doch auch dies ging irgendwann vorbei und sie zwang sich selbst dazu, weiter zu laufen. Dennoch wurde es immer schwieriger. Ihre Sicht war eingeschränkt - und sie merkte, dass ihre Wunde wieder begonnen hatte, zu bluten. Samara war noch weit vom Lebensbaum entfernt, und sie wusste, dass sie es nicht schaffen würde.. Dennoch versuchte sie es. Doch es war vergebens.
Wenige Schritte, von der Stelle, an der sie sich übergeben hatte, brach Samara zusammen. Sie hatte alles aus sich heraus geholt, doch sie konnte nicht mehr. Die Schwärze überrollte sie erneut...

Ein Wesen, das schon ewig nicht mehr gesehen worden und beinahe in Vergessenheit geraten war, zog seine Kreise am Himmel. Es kreischte, in dem Augenblick, als Samara in der Weite des Waldes zusammen gebrochen war.
Dieses Wesen hatte zwar nie etwas mit dem Mädchen zu tun gehabt - aber es war einen Bund mit dessen Vater eingegangen, den sie - mit beiderseitigem Einverständnis, wenn man es so ausdrücken konnte - wieder gelöst hatten. Es war der Toruk, den Jake beim großen Kampf gegen die Menschen vor über 16 Jahren geflogen war, und der danach wieder in die Freiheit entlassen wurde. Eigentlich war dieser nicht zu bändigen, nicht so wie seine "kleinen Verwandten", die Ikrans. Dennoch bestand irgendwie immer noch eine Verbindung zu Jake, auch, wenn dieser es nicht einmal mehr wusste.

Doch der Toruk wusste es, auch, wenn er bis jetzt seine Freiheit zu schätzen gewusst hatte. Er hatte sich von niemandem mehr zähmen lassen, und auch Jake hatte er sich nicht mehr gezeigt. Dieser war, wie alle anderen auch, davon ausgegangen, dass er verschollen war. Doch nun spürte das Flugtier, dass jemand, der in direkter Blutfolge mit Jake stand, in Gefahr war. Und diese Gefahr war so groß, dass er einem Gefühl, das auch ihn erreichte, folgen musste. Auch dieses Gefühl wurde von Eywa gesandt, und so folgte er ihm - bis er schließlich zu dem Waldgebiet kam, in dem die beinahe tote Samara lag. Es war schwer für ihn, dort zu landen, doch er versuchte es. Kreischend ließ er sich auf einem Platz nieder, der in der Nähe war und mähte dabei einige Bäume um. Dennoch hatte er keine Wahl. Schließlich war er bei Samara angekommen. Der Toruk knurrte und als er merkte, dass trotz diverser Laute und Anstupser, keine Reaktion von ihr kam, nahm er sie sanft in sein Maul und flog mit ihr davon. Er wusste, wohin er fliegen musste und kurze Zeit später, waren sie angekommen; der Lebensbaum. Es war auch hier ein Wunder, dass niemand das Riesenflugtier gesehen hatte, dennoch war es so. Und der Toruk legte Samara ebenfalls so langsam und vorsichtig er nur konnte, direkt vor den Lebenssträngen des Baumes ab - doch diese war immer noch bewusstlos; weder er noch sie waren in der Lage, die Stränge miteinander zu verbinden...
Und dann geschah etwas, was auch noch nie zuvor vorgekommen war: Die Stränge verbanden sich automatisch. Der Seelenbaum suchte sich Samaras Rückenstrang - und schloss seinen Strang um sie. In diesem Moment kreischte der Toruk erneut - und verschwand.

Es verging einige Zeit bevor Samara etwas bemerkte. Bis dahin war sie in völliger Dunkelheit gewesen, doch dann spürte sie ein Kribbeln in sich. Zuerst von weit her, doch dann wurde es immer stärker. Und schließlich öffnete sie die Augen. Einige weitere Sekunden, in denen sie einfach nur da lag, hob sie schließlich ihren Kopf. Sie blickte sich um, zuerst vollkommen desorientiert, da sie keine Ahnung hatte, wo sie überhaupt war. Dann fiel es ihr wieder ein - zumindest wohin sie wollte, doch auch, dass sie dort nicht angekommen war.. Dachte sie jedenfalls, doch dann merkte sie, dass sie genau an der Stelle lag, wohin es sie geführt hatte  - und nun spürte sie eine Stärke, die durch ihre Adern strömte. Es fühlte sich an, wie kleine Stromstöße, die immer stärker wurden.
Aber gleichzeitig merkte Samara, dass es gut tat. Ihre Übelkeit war fort, und auch ihre Kopfschmerzen wurden immer besser; die Wunde hatte aufgehört zu bluten.

Sie setzte sich auf. Keine kleinen Pünktchen tanzten mehr um ihren Kopf herum. Sie sah zu dem Baum herauf und auch, wenn sie keine Ahnung hatte, wie sie hierher gekommen war, und wie sie an Eywa gebunden wurde, nahm sie es schließlich als gegeben hin: "Danke", flüsterte sie. "Ich danke dir" - und sie senkte erneut das Haupt um ein Gebet zu sprechen. Nicht für sich. Sie betete für ihren Vater, für Tsu´tey, dass sie eine sichere Reise haben sollten; und für Tanía, damit sie gefunden wurde, BEVOR diese das tun konnte, was sie in ihrem "Traum" gesehen hatte. Denn dieser war ihr ebenfalls wieder eingefallen. Und die Tatsache, dass es kein normaler Traum gewesen war. Sie spürte auch, dass die Stärke, die durch sie hindurch fuhr, einem Ziel diente. Und sie wusste, was es war.
Schließlich nickte sie und hob den Kopf um erneut zu Eywa zu sprechen: "Ich werde dir folgen. Zeig mir den Weg zu Tanía - ich werde ihn gehen um sie vor dem zu beschützen, was ihr angetan wird. Bitte lass sie mich finden, bevor all das Grausame geschieht!"

Und dann war es vorbei. Samara fühlte die alte Stärke in sich und löste schließlich die Verbindung zu dem Baum und zu Eywa. Sie stand auf und nickte. Sie hatte eine Aufgabe. Ob sie auf dem Weg zu Tanía noch ihrem Vater und Tsu´tey in die Arme laufen würde, wusste sie auch nicht, dennoch wusste sie auch nicht, ob dies gut oder schlecht für sie sein würde... Sie hatte auch keine Ahnung, wie sie ihre beste Freundin und gegebenfalls die anderen Opfer aufhalten würde, sollte sie diese finden, dennoch musste sie es versuchen. Deswegen war sie gerufen worden, Eywa hatte sie ausgewählt.
Vielleicht war sie die einzige, die eine Chance hatte, noch an ihre Freundin heran zu kommen? An das, was ihre Feinde aus ihr machen wollten - oder sogar schon gemacht hatten? Samara fröstelte, als sie daran dachte. Dennoch begann sie, sich in Bewegung zu setzen. Sie folgte erneut einem Gefühl, und sie wusste, dass sie gelenkt wurde. Wohin auch immer Eywa sie nun führen würde, sie würde ihr nachgehen. Und sie würde Tanía finden und retten! Sie musste!...

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Christal, 31
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