14. Kapitel - Sucht
Währenddessen hatten die Tscha´lar weiterhin eine neue Bleibe gesucht, und diese schließlich gefunden.
Es war weit von dem Ursprungsort entfernt, von dem sie aufgebrochen waren, und den mittlerweile Tsu´tey und die anderen gefunden hatten.
Sie hatten sich nun dort niedergelassen und, genau wie an dem anderen Ort zuvor, wurden die Frauen, die "noch zu gebrauchen" waren, in eine Ecke gesteckt und man nahm sich, nach der langen und Kräfte zehrenden Wanderung, auch direkt ihrer an. Die älteren Kinder, unter denen auch Tanía war, wurden in ein Verlies gesperrt. Diese merkten es nicht, sie waren ausgelaugt und nicht Herr über ihre Sinne.
Auch Tanía merkte nicht, wie man sie hoch hievte, und zuerst in ein Verlies warf. Sie wurde festgekettet, denn noch war sie zu weiteren Kämpfen nicht zu gebrauchen.
Der Stammesführer hatte vorerst andere Pläne mit ihr. Dass sie kämpfen konnte, wusste Granar, doch jetzt war sie - noch - nicht dazu in der Lage. Er wusste, dass es bald weiter gehen würde, doch vorher musste etwas weitaus wichtigeres erledigt werden; das Mädchen war noch nicht abhängig genug! Sie musste das "Elixier" wie Wasser in sich aufnehmen, damit er sie für seine Zwecke gebrauchen konnte - und dies freiwillig!
Und so gab er seinen Untergebenen den Befehl, dafür zu sorgen, dass Tanía von dieser Droge nicht genug bekommen wollte. Er selbst würde sich in der Zwischenzeit erst einmal anderweitig vergnügen - auch er spürte die Anstrengung der langen Reise, besonders in der Lendengegend - und dann wollte er sich den Erfolg persönlich anschauen um zu entscheiden, wie es weiter ging.
Nachdem Granar fort war, gingen seine untergebenen Krieger zu Tanía und schlugen ihr erst einmal hart ins Gesicht, damit sie wach werden sollte. Sie war immer noch benebelt, ihre Atmung war flach, und sie konnte kaum etwas sehen. Langsam erinnerte sie sich daran, dass sie vor einiger Zeit in dem Wagen gewesen war, zusammen mit anderen Mädchen und Jungen in ihrem Alter, und nun war sie nicht mehr dort - allerdings konnte sie nicht sagen, wo genau sie jetzt eigentllich war.. Was sie registrierte war, dass ihr Mund nicht mehr beklebt war...
Sie hatte furchtbaren Durst und sie schwitzte wie wahnsinnig. Dann hörte sie eine Stimme direkt an ihrem Ohr, einen harten Akzent, dennoch konnte sie verstehen was er sagte: "Du hast bestimmt Durst, oder?" Tanía nickte nur. Ja, das hatte sie, ihre Lippen zersprangen, und ihr Mund war ausgetrocknet.
Der eine von beiden nickte und ein anderer gab ihm einen großen Trog in die Hand. Tanías Kopf wurde nach hinten gerissen, und diese ahnte, was nun erneut folgen würde. Doch sie irrte sich. Sie hatte damit gerechnet, dass ihr die furchtbaren Bastarde erneut dieses schreckliche Gebräu eintrichtern würden, doch dieses Mal war es tatsächlich Wasser, das sie bekam! Tanía merkte es, und begann, gierig zu trinken, so, wie sie noch nie getrunken hatte.
Nach mehreren, riesigen Schlücken nahm man ihr den Trog von dem Mund, doch ihr Durst war noch nicht gestillt, sie wollte mehr; und das hatten die Krieger geplant.
Der Trog wurde ausgetauscht - und nun setzte man ihr einen neuen an den Mund - und Tanía merkte direkt, dass es dieses Mal das Gebräu war; das "Harnivar", wie sie sich erinnerte.
Doch anstatt es, wie sie es zuvor immer wieder versucht hatte, auszuspucken, oder es zumindest zu versuchen, schluckte sie es dieses Mal gierig herunter. Langsam merkte sie, dass es gar nicht mehr so schlecht schmeckte... Sie hörte nicht auf. Als man es ihr schließlich vom Mund nahm, röchelte sie "mehr!"... Und die Krieger wussten, dass sie es geschafft hatten.
Sie entfernten Tanías Fesseln und legten ihr den Trog in die Arme. Tanía nahm ihn - und führte ihn freiwillig an den Mund. Sie trank weiter. Dann öffnete sie die Augen - und es stand Wahnsinn in ihnen. Die Krieger brauchten gar nicht zu sagen, dass sie es austrinken sollte, der Durst brannte sich in sie und sie hörte erst auf, als es tatsächlich ausgetrunken war. Die Krieger nahmen ihr den Trog ab und gaben ihr abschließend noch einen Schluck Wasser, um ihren Durst zu bändigen. Dann war es vorbei. Zumindest, was die Ausführung des Planes anging, sie süchtig zu machen. Denn das war sie nun. Doch für jetzt und hier reichte es erst einmal, der Anführer würde bald kommen, denn er hatte etwas mit ihr vor; der nächste Kampf stand bevor, dass wussten die Krieger. Und so fesselten diese sie erneut; sie würde so lange dort bleiben, bis Granar persönlich kam, und sie holen würde...
Und schließlich war es so weit. Granar hatte noch eine Weile gewartet, als ihm die Krieger die Mitteilung gegeben hatten, dass es funktioniert hatte. Er sagte nicht viel, nur, dass sie sich ihre "Belohnung" nun holen konnten, und ihnen war klar, was er meinte. Auch sie gingen zu den Frauen, deren Schreie man erneut über die ganze Ebene hören konnte.
Dann nahm Granar einige andere Krieger mit sich, die ihren "Spaß" bereits genossen hatten, und gab ihnen den Befehl, Tanía und ein anderes Mädchen, ebenfalls aus dem Stamm der Omaticaya, von dem sie wussten, dass sie ebenfalls nicht zu verachten war, hervor zu holen und in die Kampfarena zu bringen.
An Tanías Augen sah er sofort, dass sie vom Harnivar gezeichnet war. Ihre Pupillen waren riesig. Ihr Gesicht war blass, sie sah beinahe aus wie ein Gespenst. Er konnte sich denken, dass bereits die "Geister" um sie herum spukten, und er konnte es kaum abwarten, sie in Aktion zu sehen.
Beide Mädchen wurden in den Ring getragen. Das andere Mädchen war vorab ebenfalls mit dem Gebräu zugeschüttet worden, und beiden stand der Wahnsinn in den Augen.
Ja, Tanía war wahnsinnig. Sie sah ihre Umgebung nicht mehr, jedenfalls nicht mehr so, wie sie war. Sie merkte nicht mal wirklich, wie sie von den Kriegern in die Arena gebracht wurden; sie merkte zwar etwas, aber es fühlte sich eher an, als würde sie fliegen... Und dann sah sie Gesichter auf sich zurasen. So etwas ähnliches hatte sie schon einmal gesehen, doch dann kamen auch noch riesige Wölfe auf sie zu. Und dann stand ein Bär vor ihr; ein riesiger, grauenhafter Bär, den es galt, zu töten, damit er sie nicht vernichten konnte! Tanía zögerte nicht lange. Sie nahm ihr Messer, und im selben Augenblick, in dem das andere Mädchen - denn um niemand anderes handelte es sich bei dem "Bären" - auf sie zukam, stürzte sie sich auf sie.
Auch das andere Mädchen sah Trugbilder. Auch Tanía war für sie ein wildes Etwas, vor dem sie sich nur durch Töten retten konnte. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, so war es bestimmt. Und so wurde Samaras "Vision", die ihr Eywa im Traum gegeben hatte, Wirklichkeit, als Tanía vorstürmte, und dem anderen Mädchen, nach einem kurzen, aber heftigen Kampf, mit einem Schrei die Kehle durchschnitt.
Sie sah, wie die Bestie in sich zusammen fiel - und badete sich in dessen Blut. Dann schrie sie einen Jubelschrei, der über die ganze Ebene hallte, alle Krieger hörten ihn und hielten kurz inne. Sie hatten eine neue Meisterin gefunden; das Mädchen war soweit!
Auch Granar wusste es. Er grinste. Dann nickte er zu den Kriegern herüber, und einer von ihnen trat erneut mit einem Trog voll Harnivar zu Tanía herüber. Es war nicht ganz ungefährlich, das wusste auch er. Das Mädchen war "high", und auch er könnte von ihr zerrissen werden. Doch er war schnell. Er kam heran und riss ihren Kopf zurück - um ihr den Trog, den er dabei hatte, an den Mund zu halten.
Tanía hatte bis dahin ein Gemisch aus unterschiedlichsten Gefühlen in sich - sie war im Rausch. Sie spürte zuerst Wut über dieses Tier, das ihr nach dem Leben trachtete, dann bemerkte sie, dass sie es besiegt hatte! Nach einem kurzen, aber harten Kampf hatte sie die Bestie erfolgreich besiegt! Und sie wollte mehr! Sie war die Beste! Also wusch sie sich mit dem Blut des Monsters und stieß einen Jubelschrei aus - und kurz danach spürte sie, wie sie zwei Hände umklammerten und ihren Kopf nach hinten rissen. Zuerst wollte sie sich erneut wehren, weil sie dachte, es käme noch eine Bestie, doch dann spürte sie Trog - und mit ihm das köstliche Getränk!
Ja, Tanía fand es nicht mehr furchtbar; sie liebte es. Es war wundervoll! Sie umschloss mit ihren Händen den Trog und trank und trank, so lange, bis es tatsächlich leer war.
Ihre Augen wurden noch glasiger, ihre Pupillen größer. Und dann kam Granar zu ihr. Er beugte sich zu ihr herunter und sagte: "Du bist so weit! Das ist ab jetzt deine Belohnung, wenn du stark bist und gut kämpfst! Du hast jetzt deine erst große Prüfung bestanden - und nun - töte IHN!" Und er zeigte auf den Krieger, der ihr zuvor den Trog gegeben hatte.
Tanía überlegte nicht lange. Granar war erneut zurück getreten und ignorierte den völlig entgeisterten Krieger, der gar nicht wusste, wie ihm geschah. Auch die anderen Krieger traten einige Schritte zurück. Es ging glücklicherweise nicht um sie.
Der Krieger zückte seine Waffe. Er wusste nicht, womit er das hier verdient hatte, er hatte nur seine Befehle ausgeführt, und nichts falsch gemacht!
Doch nun musste er kämpfen, und das gegen eine neue Kriegerin, die zwar jung, aber verdammt gut war. Und wie gut, das zeigte sie ihm jetzt.
Durch Tanías Blut floss frisches Harnivar. Sie fühlte sich noch besser, als vorhin, und sie schoss auf ihn zu. Doch der Kampf mit dem Krieger war schwieriger als mit dem anderen Mädchen, das Tania für ein wildes Tier gehalten hatte. Er war ihr - vorerst - ebenbürtig. Auch er hatte ein scharfes, selbstgeschnitztes Messer, und er zögerte nicht lange, es einzusetzen. Doch Tanía spürte die Stiche nicht, die er ihr zuzog. Und sie bekam einige ab, vor allem am Arm. Sie blutete, doch sie bemerkte es nicht, sie spürte keine Schmerzen.
Doch ihre Wut stieg an, als er nicht aufgeben wollte und ihr immer näher kam. Dann stob sie wütend auf ihn zu - und stieß ihm ihr Messer tief in den Bauch - und drehte es in ihm herum. Er hatte keine Chance, mit einem Schrei fiel er zu Boden und starb.
Auch Tanía fiel auf die Erde. Sie war an Armen und am linken Bein verletzt, und Granar war nicht ganz zufrieden mit ihr. Der Kampf mit dem anderen Mädchen war gut verlaufen, doch der Krieger war immer noch zu stark für sie gewesen. Dennoch hatte sie ihn schließlich besiegt und er konnte erkennen, dass ihre Verletzungen nicht tödlich sein würden. Mit etwas Harnivar würde sie es überstehen, doch vorerst war es genug. "Bringt sie zurück", sagte er nur, und seine Untergebenen nickten. Jeder von ihnen war erleichtert, dass er nicht noch auf sie gezeigt hatte, und sie so gezwungen hatte, mit diesem Mädchen zu kämpfen. Sie war wirklich verdammt gut - und alle wussten, dass sie dieses nun in ihrem Stamm hatten. Und im Grunde wussten sie auch, auf wen, beziehungsweise was, dieses Mädchen trainiert wurde - auf die unweigerlich folgende Begegnung mit den Omaticaya. Sie würden sie brauchen, um diese zu besiegen! Beim ultimativen Kampf, eventuell mit mehreren Feinden?
Doch bevor es soweit war, brachten sie Tanía wieder zurück in das Verlies, wo immer noch die anderen Mädchen und Jungen auf ihr Schicksal warteten - und nahmen ein anderes mit. Tanía wurde erneut festgekettet und lag nun halb bewusstlos in eben diesen Ketten. Sie hatte kaum noch eine Ahnung, was wirklich passiert war; sie konnte sich nur noch daran erinnern, dass sie Bären und andere Untiere besiegt hatte. Und sie spürte Durst. Doch es war kein Durst nach Wasser - es war "Durst" nach "Etwas", von dem sie nicht wusste, was es eigentlich genau war; doch sie wusste, dass sie ohne dies nicht mehr leben konnte! Sie brauchte es! Jetzt! "Harnivar"... flüsterte sie, immer und immer wieder, doch die Krieger waren - erst einmal - fort. Es würde etwas dauern, bis sie erneut "gefüttert" würde; und dann käme unweigerlich auch der nächste Kampf auf sie zu. Und Tanía spürte, wie es in ihr brannte. Nicht vor Schmerzen, die fühlte sie nicht einmal, sondern vor Verlangen. Sie brauchte das Zeug...

