2. Kapitel - die nächsten 16 Jahre - die Prüfungen

16 Jahre waren seit dieser Zeit vergangen. Direkt nach Samaras Geburt war es Jake schwer gefallen, wieder mit den anderen Männern zusammen ihre Arbeit weiter zu entrichten und Neytiri und Samara allein zu lassen, doch das Leben ging weiter. Und Neytiri kümmerte sich, zusammen mit anderen Frauen um die Kleine. Doch die Jahre vergingen und der Alltag hatte sie wieder.

Samara wuchs heran und es wurde schon sehr früh klar, dass sie über eine ganz besondere Intelligenz verfügte. Sie war sehr lernbegierig und vor allem gelehrig. Bereits mit 4 Jahren brachte ihr Neytiri die unterschiedlichen Pflanzen- und Pilze - vor allem die giftigen und die essbaren - und die Tierarten bei und mit 6 Jahren nahm Neytiri sie bereits mit auf die Jagd. Samara war extrem wissbegierig und sog geradezu alles in sich auf, was ihre Mutter - und auch Jake - ihr beibrachten. Selbst die anderen Mitglieder ihrer Gemeinschaft mussten zugeben, dass es anscheinend bei Samara ein wenig schneller ging, als bei anderen Kindern..
Einzige Ausnahme war Tanía, die Tochter von Tsu´tey, der kurz nach der Verbindung zwischen Jake und Neytiri auch eine Frau gefunden hatte, mit der er ebenfalls eine Beziehung eingegangen war und die einige Wochen nach Samaras Geburt auf die Welt gekommen war. Die Mädchen wurden bald die besten Freundinnen, so wie ihre Väter sich mittlerweile verbrüdert hatten.

Mit 10 Jahren ging Samara das erste Mal alleine auf die Jagd. Es war ihre erste Prüfung und Jake war ein wenig flau im Magen. Bis jetzt hatte sie immer ihre Mutter begleitet und diese war bei ihr gewesen um sie im Notfall zu beschützen. Das Wild war nicht harmloser geworden - eher im Gegenteil - und es war ihm eher wohler, wenn Neytiri bei ihr war.

Doch auch er wusste, dass es irgendwann soweit war und er spürte ebenfalls, dass Samara so weit war. Bei den Na´vi gab es keine spezielle Altersgrenze, sie spürten einfach, wenn der Moment gekommen war. Also wünschte er seiner Tochter alles Gute, sah dabei zu, wie sie mit allen wichtigen Jagdutensilien ausgestattet wurde und konnte dann nur abwarten. Neytiri und andere brachten sie noch bis zum Rand ihres Jagdreviers und ließen sie dann alleine. Allerdings gab es eine kleine Einschränkung; es war ein recht überschaubares, kleines Stück, in dem Samara jagen ging und Neytiri behielt es trotz allem im Auge. Sie war bereit einzugreifen, auch, wenn dies bedeuten würde, dass ihre Tochter die erste Prüfung nicht bestehen würde. Doch ihre Vorsicht war unbegründet. Samara bestand sie mit Bravour. Sie schlich durchs Unterholz, sah in alle Ecken - so wie es ihre Mutter ihr beigebracht hatte - und horchte auf jeden Ton, auf jedes Geräusch. Dann hörte sie etwas. Ein leises Piepen, das für jemanden, der unaufmerksam war, kaum zu erkennen gewesen wäre. Doch sie registrierte es. Sie wusste was es war. Ihre Mutter hatte ihr ja alles über die Tierwelt beigebracht. Es war ein Jak, ein Junges. Das hieß, sie musste besonders vorsichtig sein, denn irgendwo in der Nähe könnte die Mutter lauern.. Und mit denen war nicht zu spaßen, wenn sie wütend waren…

Samara blickte sich um. Sie konnte die Mutter nirgendwo erkennen; doch sie wusste nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Omen war.. Unter Umständen war die Mutter selbst auf der Jagd - nach was oder wem auch immer - und es würde nicht mehr lange dauern, und sie kam zurück… Oder sie lebte nicht mehr; dann hätte sie leichtes Spiel.. Doch es war müßig, darüber nachzudenken, sie würde sich jetzt beeilen müssen. Samara schoss nach vorne - sie wusste, wo sich das Junge aufhielt und nahm ihre Jagdwaffe aus dem Schutz - und stieß zu. Sie wusste, dass sie nur den einen Versuch hatte, so oder so. Auch die Jungen hatten Kräfte, die nicht zu unterschätzen waren, vor allem wenn man sie nur verletzt und nicht getötet hatte.

Doch es hatte funktioniert; schon beim ersten Mal! Sie hatte mitten ins Herz getroffen, so wie ihre Mutter es ihr beigebracht hatte. Das Junge lag tot vor ihr und ein Glücksgefühl durchströmte sie.

Sie hatte es tatsächlich geschafft! Ihre erste erfolgreiche Jagd! Dennoch vergaß sie nicht, Eywa für ihren Jagderfolg zu danken und die Seele des Tieres freizugeben, danach hob sie das Tier hoch. Es war ziemlich schwer, aber sie schaffte es. Sehr viel größer hätte es allerdings nicht sein dürfen, dachte sie noch. Samara schaffte es, ein paar Schritte in die Richtung zu laufen, in der Neytiri und die anderen standen und auf sie warteten - als sie ein dunkles, bedrohliches Knurren hinter sich hörte. Das Muttertier war zurück gekehrt! Samara blieb stehen. Jetzt wurde es ernst. Langsam drehte sie sich um. Wegzurennen würde ihr nichts bringen, das wusste sie; es würde nur den Jagdinstinkt des Tieres auslösen. Im Grunde wollte die Mutter zu ihrem Jungtier, doch das konnte Samara nicht zulassen. Erstens war es ja ohnehin nicht mehr möglich - das Tier war tot - und zweitens war es ihre Beute! Davon abgesehen, dass es der Beweis dafür war, dass sie es geschafft hatte, war es auch ihr Abendessen, das sie für ihre Sippe gejagt hatte…

Doch die Mutter hatte andere Pläne und kam Samara immer näher. Diese begann sich langsam auf den Boden zu knien und legte das Jungtier vor sich auf den Boden. Dann legte sie langsam Hand an ihre Pfeile. Mit der dolchähnlichen Waffe konnte sie hier nichts anfangen. So nah wie an das Jungtier kam sie an die Mutter nicht heran… Doch auch hier wusste sie, dass es nur einen Versuch gab. Sie musste beim ersten Mal treffen! Samara spannte den Bogen. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Sie hatte Angst, aber das durfte sie sich jetzt nicht anmerken lassen. Das Tier würde es riechen… Also riss sie sich zusammen. Samara wusste, dass sie den geeigneten Moment abwarten musste. Und dann kam er. Das Muttertier war noch einige Zentimeter näher an Samara heran geschlichen - und ohne eine Vorwarnung mit einem wilden Fauchen auf sie losgesprungen. Samara schoss den Pfeil ab. Sie hatte die Augen geschlossen und mit klopfenden Herzen wartete sie die nächsten Sekunden, was geschah. Wenn sie daneben geschossen hatte, war es vorbei, das wusste sie.

Doch sie hörte ein Winseln vor sich und öffnete die Augen wieder. Da lag sie. Schwer verletzt und nicht mehr in der Lage, sich zu rühren. Samara musste nur noch den Schlussstrich ziehen und das tat sie auch. Sie kniete sich neben das Tier, zog den Pfeil aus ihr heraus und erstach es mit ihrem Speer. Ein Stich, mitten ins Herz. Dieses Mal fühlte sie eigentlich nur Erleichterung. Sie bedankte sich bei Eywa und entließ auch die Seele des Muttertieres, bevor sie begann, sich Gedanken zu machen, wie sie nun beide Tiere nach Hause tragen sollte…

Doch die Gedanken brauchte sie sich mehr zu machen. Neytiri hatte sich Sorgen gemacht. Die Verbindung zwischen ihr und Samara war stark und sie hatte gefühlt, dass etwas nicht in Ordnung war. Außerdem dauerte es ihr mittlerweile zu lange und so war sie, entgegen der Ratschläge der anderen Mitglieder ihrer Sippe, die sie begleitet hatten, in den Wald hinein gelaufen. Tsu´tey folgte ihr. Er war dabei, da er einer der Anführer der Sippe war und sozusagen entscheiden musste, ob Samara ihre erste Prüfung bestanden hatte oder nicht; wenn nicht, würde sie sie noch einmal wiederholen müssen und in der Rangordnung weiter zurück geworfen werden…

Theoretisch hätte auch Jake dabei sein können, er war in der Rangfolge so etwas wie die Nummer zwei - direkt hinter Tsu´tey, allerdings war er zu aufgeregt und Neytiri hatte ihm dringend geraten, fern zu bleiben; sie konnte sich denken, dass Jake seiner Tochter ansonsten bereits früher zu Hilfe hätte eilen wollen… Wie auch immer, jetzt war es Neytiri die spürte, dass etwas nicht in Ordnung war und die zielstrebig, mit Tsu´tey im Schlepptau, in eine Richtung lief. Schließlich kamen sie an der Stelle an, an der Samara noch neben dem Muttertier kniete. Neytiri wusste sofort was geschehen war. Sie konnte das kleine Beutetier erkennen, was vermutlich das erste Tier gewesen war, das von ihrer Tochter erlegt worden war. Dann musste das Muttertier dazugekommen sein und Samara hatte es tatsächlich geschafft, auch dieses zu erlegen!

Neytiri war stolz auf Samara. Sie lief auf sie zu und in diesem Moment stand diese auf und drehte sich um. Sie hatte ein Geräusch gehört und befürchtete im ersten Moment, noch einem erwachsenen Tier dieser Gattung zu begegnen, was beinahe ein wenig zu viel für sie gewesen wäre, doch zu ihrer grenzenlosen Erleichterung sah sie zuerst ihre Mutter - und hinter ihr Tsu´tey auf sie zukommen. “Mutter”, fragte sie, “was machst du denn hier? Ich dachte, ihr wartet auf mich am Rande des Waldes…”

“Das wollten wir auch, meine Tochter, aber etwas sagte mir, dass du in Schwierigkeiten steckst.. Ist alles in Ordnung?” Samara blickte zuerst zu Neytiri und dann hinunter auf ihre beiden Jagdbeuten. “Sieht doch so aus, oder? Ich nehme an, ich habe die Prüfung bestanden??” Neytiri lächelte. Ja, manchmal konnte man Jake in ihrer Tochter erkennen. Ganz der Vater… In solchen Augenblicken versuchte Neytiri gegenzusteuern um nicht zu viel von Jakes “menschlichen” Eigenschaften in Samara zum Ausbruch zu bringen. Und zu sehr von sich eingenommen zu sein, schadete nur. Also versuchte Neytiri sich nicht anmerken zu lassen, wie stolz sie auf Samara war. “Das werden die Anführer entscheiden. Und nun würde ich sagen, dass du dir das Kleine schnappst und wir zurück zum Lager gehen.” Ohne ein weiteres Wort hob Neytiri das Muttertier hoch und ging mit ihm zurück; dabei traf ihr Blick den von Tsu´tey und dieser nickte nur kurz. Sie wusste, was das bedeutete, und da sie sich sicher sein konnte, dass Samara sie in diesem Augenblick nicht sehen konnte, lächelte sie. Dann drehte sich auch Tsu´tey um und nachdem auch Samara schweigend das Jungtier aufgehoben hatte, ging es zurück zu den Wartenden im Lager. Zu denen auch Jake gehörte.

Dieser zerbarst beinahe vor Aufregung. Hatte seine Tochter ihre erste Prüfung geschafft? War etwas passiert? So langsam kam ihm das ganze auch ein wenig lang vor… Doch dann sah er sie ankommen - und ihm stockte beinahe der Atem. So wie es aussah, trugen sie nicht nur ein Beutetier, sondern zwei! Ein kleineres - wohl ein Jungtier - und das dazugehörige Muttertier? Ihm wurde heiß. Hatte Samara das Jungtier erlegt und war dann vom Muttertier angegriffen worden? War sie verletzt worden? Hatte Neytiri oder ein anderer eingreifen müssen? Es hielt ihn nicht mehr an der Stelle, er musste zu ihnen.

Neytiri sah Jake als erstes, der auf sie zugelaufen kam. Sie konnte sich denken, was ihn quälte. Bevor er etwas fragen konnte, antwortete sie bereits: “Keine Sorge Jake, es ist alles in Ordnung. Samara geht es gut, wie du erkennen kannst. Sie hat beide Beutetiere erlegt; und wir werden die nächsten Tage nicht Hunger leiden müssen.” Mehr sagte sie erst einmal nicht, sondern lief weiter. Jake sah zu Samara. Diese schwieg ebenfalls.

Er wusste, dass Neytiri manchmal etwas übertrieb; sie wollte nicht, dass ihre Tochter so etwas wie “menschliche” - sprich seine ehemaligen - Charakterzüge annahm, und dazu gehörte leider auch Überheblichkeit, und deswegen untertrieb sie seiner Meinung nach etwas, was Lob anging. Es hatte noch niemanden verdorben, gesagt zu bekommen, dass man stolz auf ihn war… Und Jake wusste, dass dies der Fall war. Natürlich war Neytiri stolz auf Samara und sie liebte sie auch; aber sie tat sich leider schwer darin, es in Worten auszudrücken. Nein, so wirklich gesagt hatte sie ihr noch nie, dass sie sie liebte; sie war der Meinung, dass Samara das wissen würde... Jake war sich da nicht so sicher. Er tat es dafür um so öfter. Seiner Meinung war ein Vater doch dazu da. Und vielleicht kam da tatsächlich noch ein wenig der “Mensch” aus ihm heraus. Alles war nicht schlecht am Menschsein gewesen… Aber nun verdrängte er weitere Gedanken und lief ebenfalls schweigend neben Samara und hinter Neytiri her. Es war noch nicht der Zeitpunkt für Jubel, das würde noch folgen, sobald Samara offiziell gesagt bekam, dass sie die Prüfung bestanden hatte…

Und dann war es soweit. Schließlich waren sie an ihrem Platz angekommen - Neytiri und Samara hatten ihre Beutetiere abgelegt - und sie warteten auf das Urteil von Tsu´tey und den anderen Anführern. Natürlich hatte Samara bestanden. Die Omaticaya, die sich um sie versammelt hatten, stießen die Hände in die Höhe und begannen, einen Jubelton anzustimmen, in den auch Jake, Neytiri und Samara einstimmten. Und dann konnte Jake seiner Tochter endlich in die Arme fallen. Er zog sie an sich und sagte ihr, wie stolz er auf sie war, was ihm einen leicht tadelnden Blick von Neytiri einbrachte, doch sie sagte nichts. Auch sie fühlte im Grunde ja genauso. In einem scheinbar unbeobachteten Augenblick lächelte sie ebenfalls und in ihren Augen war zu erkennen, wie sie wirklich fühlte. Doch Jake wusste, dass sie sich eher die Zunge würde abhacken lassen, als dass sie etwas derartiges sagen würde… Neytiri hatte eben auch noch ein paar Eigenschaften von früher behalten; als sie sich noch nicht so gut verstanden hatten; er musste lächeln, als er an die Zeit zurück dachte…

Und dann feierten sie einen ganzen Tag und eine Nacht durch und die Beutetiere wurden gut eingeteilt. Es reichte eine ganze Weile.
Samara war in die Gemeinschaft der Jäger aufgenommen worden - mit ihren 10 Jahren!…

Weitere Prüfungen folgten. Mit 14 Jahren lernte sie das Reiten auf ihren Reittieren, was natürlich ebenfalls um einiges schneller von statten ging, als seinerseits bei Jake; sie blieb jedenfalls direkt beim ersten Mal auf dem Rücken des Tieres; und auch die Verbindung mit ihm funktionierte einwandfrei.

So war es schließlich an der Zeit, wohl die gefährlichste aller Prüfungen zu absolvieren; die Verbindung mit ihrem Ikran, dem Flugtier. Es war Samaras 16. Geburtstag, und sie spürte, dass es an der Zeit war. Jake war völlig aufgeregt. Bei ihm war es beinahe schlimmer als bei Samara selbst… Neytiri ließ sich - wie immer - nichts anmerken, aber auch ihr war nicht wirklich wohl dabei. Wie alle wussten, ging es bei der Verbindung zwischen Na´vi und Ikran um Leben und Tod… Samaras Aufregung hielt sich - noch - in Grenzen. Vielleicht lag es aber daran, dass sie es noch nicht ganz verinnerlicht hatte, was bald geschehen würde? Sie wusste es nicht.

Samara hatte sich zurecht gemacht und nun waren sie auf dem Weg zu den hohen Bergen, wo die freien Ikrans lebten. Sie hatten sich wieder einen Ort zum Leben gesucht, nachdem es den Na´vi gelungen war, die Landschaft wieder aufzubauen. Er war nicht so schön wie der vorige, den die Himmelsleute zerstört hatten, aber es war gut genug für sie. Nur etwas kleiner, was die Gefahr für die “Zähmungen” noch verschärfte. Es lebten mehr von ihnen auf engerem Raum… So war es erst einmal nicht so einfach, überhaupt zu ihnen herauf zu kommen. Der Weg war steil und Jake, Neytiri und Samara mussten alle Kräfte aufbieten um ihn zu schaffen. Natürlich waren auch die Anführer der Sippe, einschließlich Tsu´tey dabei. Schließlich hatten sie es geschafft. Sie waren oben.

Neytiri hatte Jake am Vorabend noch gefragt, ob er tatsächlich mitkommen wollte; denn sie konnte sich seine Aufregung vorstellen; doch im Gegensatz zu ihrer ersten Prüfung - der erfolgreichen Jagd - konnte er sich jetzt nicht vorstellen, dieser hier nicht beizuwohnen und seiner Tochter beizustehen. Nein, er musste dabei sein!
Und so standen nun er, Neytiri, Tsu´tey mit drei anderen Anführern und Samara auf dem Gipfel des Berges: Einer Plattform, auf der die Ikrans darauf warteten, ihrerseits Beute zu machen…

Jake sah zu Samara herüber. Es sah so aus, als ob ihr nun erst bewusst wurde, was sie hier tat. Sie blickte zurück und dann lächelte sie tapfer. Jake musste schlucken. Ihm war schon bewusst, dass es irgendwann soweit sein würde; aber musste das ausgerechnet heute sein? Am Liebsten hätte er seiner Tochter gesagt, dass sie es sich noch einmal überlegen sollte; dass sie noch Zeit hätte… Doch er wusste auch, dass das Unsinn war. Der Zeitpunkt war gekommen und davon ab, würde es vermutlich - zumindest für ihn - immer der falsche Zeitpunkt sein; egal wann es soweit sein würde… Sie war immerhin seine Tochter… Neytiri hatte sich neben ihn gestellt und nahm seine Hand in ihre. Sie fühlte, wie er schwitzte. Neytiri drückte sie und sah ihm kurz in die Augen. Ihr Blick sagte ihm mal wieder alles und er versuchte, sich zusammen zu reißen. Dennoch konnte er nichts gegen die Gefühle in ihm machen. Es ging mal wieder um seine Tochter! Irgendwie war es etwas ganz anderes, die Prüfung selber zu absolvieren oder dabei zuzusehen, wie es jemand machte, den man abgöttisch liebte… Dennoch riss er sich nun zusammen und sah zu, wie Samara sich bereit machte…

Sie wurde gerade von Tsu´tey vorbereitet und nun ging es los. Natürlich hatten ihr sowohl Tsu´tey als auch ihre Eltern alles haarklein erklärt, worauf es ankam und worauf sie achten musste - ihr Vater sogar mehrfach, und auch dass sie auf sich aufpassen musste; Samara lächelte als sie daran dachte, aber jetzt klopfte ihr Herz doch bis zum Anschlag, als sie auf die Tiere herunter schaute. Sie musste sich nun für eines von ihnen entscheiden. Samara wusste, dass sie es spüren würde, wenn es soweit war und dass es nur einen Versuch gab. Das Tier, das sie auch akzeptieren musste, würde versuchen, sie zu töten. Einen kurzen Augenblick setzte ihr Herzschlag tatsächlich aus, doch dann schalt sie sich selbst. In der Vergangenheit hatte sie so viel Prüfungen bestanden und das teilweise noch vor dem Alter in dem diese normalerweise abgeschlossen wurden. Da würde sie auch diese hier bestehen! Jetzt war jedenfalls nicht der Zeitpunkt, mit Zweifeln anzufangen…

Samara schloss kurz die Augen - dann konzentrierte sie sich. Erneut trat sie erneut auf die Ikrans unter sich. Sie blickte sich um. Nur jetzt keinen Fehler machen! Sie musste sich konzentrieren; jeder kleinste Fehler konnte ihren Tod bedeuten. Und vor allem: eines nach dem anderen! Zuerst ging es darum, sich “ihren” Ikran auszusuchen. Das war die erste Hürde, die sie schaffen musste, bevor sie darüber nachdachte, dass dieser sie töten könnte…

Sie suchte weiter. Noch war keiner unter ihnen, der sie wirklich begeisterte. Samara wollte schon beinahe gefrustet aufgeben - auch da kam ein wenig von Jakes “menschlichen” Eigenschaften aus ihr hervor - Ungeduld - als sie plötzlich einen Stich in sich spürte. Sie hatte ein Tier entdeckt, das anders war als die anderen. Sie spürte es sofort. Dieses Tier hatte etwas… Samara konnte es nicht erklären; aber sie fühlte sich sofort zu diesem Tier hingezogen. Es hob sich auch äußerlich von den anderen Ikrans ab: Während die meisten blau- bis grünlich, manche auch gräulich, gefärbt waren, ging dieses ins gelb-orangene. Sie kannte den Toruk; den großen, gefährlichen König der Ikrans, den ihr Vater geflogen hatte, bei der großen Schlacht, von der natürlich immer noch berichtet wurde, und sie wusste, wie er aussah. Dieses Tier hier war natürlich immens kleiner, aber die Farbe war ähnlich. Vielleicht ein wenig heller; aber gerade das Helle faszinierte sie. Ja, das war er! Samara hatte sich entschieden..

Nachdem dies nun geklärt war, zögerte sie nicht mehr lange. Langsam stieg sie den Weg hinunter, der sie zu der Plattform führte, auf dem sich die Ikrans befanden und hörte leises Flüstern, doch sie ignorierte jegliche andere Geräusche. Jetzt musste sie sich auf diese eine Sache konzentrieren; dass ihre Eltern - besonders ihr Vater - sich Sorgen machten, konnte sie sich denken. Die Tiere stiegen vom Boden auf und kreischten, doch einer von ihnen blieb wo er war - der orangene! Es war beinahe so, als wüsste er, dass er ausgesucht worden war und er fauchte in Samaras Richtung. Das Band war geschmiedet. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Wenn sie jetzt zurück zucken würde, hätte er gewonnen - und sie war tot… Ohne eine weitere Rührung stürzte sie auf ihn zu - und der Ikran holte mit seinen Flügeln aus und traf Samara. Diese wurde mit voller Wucht gegen die Wand geschleudert.

Jake keuchte. Mit Erschrecken realisierte er, was gerade geschehen war und wollte schon hervor preschen, doch Neytiri und Tsu´tey hielten ihn davon ab, eine Dummheit zu begehen. “Nicht, Jake-Sully! Sie muss da alleine durch! Das weißt du!” sagte Tsu´tey, seine Stimme klang streng. “Aber wenn sie sich verletzt hat”… Jake war völlig aufgelöst. “Das hat sie nicht, sieh doch, Jake” sagte Neytiri, die ebenfalls nach vorne getreten war. Auch sie war besorgt, doch sie ließ es sich mal wieder nicht so anmerken. Auch Jake trat vorsichtig an den Rand und besah sich seine Tochter. Diese war einen Schritt von der Wand weggetreten und sah noch ganz in Ordnung aus, wie er erleichtert zugeben musste. Vielleicht hatte sie sich einige Schrammen und blaue Flecken geholt, aber sie lebte und der Ikran war ihr auch nicht zu nahe gekommen, dass er ihr wirklich gefährlich werden konnte. Erleichterung durchflutete Jake, trotzdem wäre ihm um einiges wohler, wenn die Prüfung endlich zu einem - guten! - Ende kommen würde.

Doch vorerst war das Ende noch nicht gekommen. Samara hatte sich wieder aufgerappelt, sie hatte in der Tat blaue Flecken, und Schmerzen, aber sie musste die Zähne zusammen beißen und griff nun von der anderen Seite - quasi von hinten an. “Du Mistvieh”.. knurrte sie mit zusammen gebissenen Zähnen und dann rannte sie erneut auf den Ikran zu und bevor dieser sich versah, hatte sie sich auf seinen Rücken gestürzt. Der orange Ikran ging hoch wie ein wild gewordenes Reittier. Er stieg beinahe senkrecht nach oben und Samara hatte gerade noch Zeit sich an ihm festzuhalten; noch hatte sie sich nicht mit ihm verbunden… Was nun folgte war beinahe mit einem Rodeo zu vergleichen; Der Ikran stieg senkrecht in die Luft und fiel beinahe im Sturzflug nach unten.

Jake und Neytiri wurde heiß und kalt. Als Samara es geschafft hatte, sich auf seinen Rücken zu setzen, stiegen auch sie auf ihre Ikrans und folgten ihrer Tochter: “Du musst dich mit ihm verbinden!” schrie Jake, obwohl er eigentlich wusste, dass Samara dies bewusst war; dennoch war er nun völlig neben der Spur. Auch Neytiri versuchte, gleichzeitig Jake zu beruhigen und ihrer Tochter Ratschläge zu geben, mehr konnte sie nicht tun… Samara hörte ihre Eltern zwar, aber so ganz war sie nicht in der Lage, ihren Worten zu folgen.

Wie auch, der Wind pfiff ihr um die Ohren und sie hatte momentan genug damit zu tun, sich auf dem Rücken des Tieres zu halten, der natürlich versuchte, sie abzuwerfen und die Verbindung mit ihr zu verhindern… Ihr Herz klopfte bis zum Anschlag. ´Eines nach dem anderen! Schön ruhig…´ dachte sie nur und ihr erstes Ziel würde nun sein, sich hier auf dem Vieh zu halten! Nur nicht nach unten sehen… Samara war klar, dass er erst ruhig mit ihr fliegen würde, wenn sie und er verbunden waren - doch das würde nicht funktionieren, wenn sie keinen vernünftigen Halt bekam…

Beherzt packte sie ihn am Nacken. Die Folge war, dass er kreischte und die nächste Linkskurve folgte, mit einer beinahe Umdrehung.. Samara schloss die Beine um seinen Leib. So fest es ihr nur möglich war. Dann packte sie seine Verbindung und für einen kurzen Augenblick - sie wusste, es musste schnell gehen - nahm sie auch ihre und steckte sie ineinander. Die Folge war unbeschreiblich. Ein Gefühl wie ein Stromschlag durchzuckte sie, und etwas sagte ihr, dass der Ikran - ihr Ikran, wie sie nun wusste - es ebenfalls spürte. Doch noch war er nicht gezähmt. Sie waren verbunden, doch sie hatte noch keine wirkliche Gewalt über ihn. Er bockte noch und flog Zickzackkurven; Samara packte ihn erneut mit beiden Händen am Nacken und zog an ihm `Dreh rechts ab! Langsam!´ dachte sie, mit dem strengsten Tonfall, den sie in diesem Moment auf Lager hatte - sie dachte dabei an ihre Mutter - und konnte nur hoffen, dass es etwas nützte. Und tatsächlich; der Ikran wurde langsamer. Er vollführte eine Rechtskurve, und auch, wenn Samara merkte, dass es ihm nicht sonderlich gefiel, so spürte sie, dass er ihren Befehlen folgte. “Nach oben! Langsam” sagte sie und erneut folgte er ihr.

Samara jubelte. Ihr Jubelschrei hallte durch die Luft und erreichte Jake und Neytiri, die bereits neben ihr angekommen waren. Beide durchflutete Erleichterung - und Stolz. Ihre Tochter hatte es geschafft.. Auch Jake und Neytiri stießen schrille Schreie aus und schließlich drehten alle drei zusammen - mit Samara in der Mitte - ihre Runden. Tsu´tey und die anderen sahen ihnen zu; theoretisch hätten sie ihre Ikrans auch nehmen und ihnen folgen können, doch sie wollten die Familienbande, die dort gefestigt wurde, nicht stören.

Nach einiger Zeit war es dann vorbei. Samara, Jake und Neytiri drehten zu ihnen um und landeten. “Du hast es geschafft, ich bin stolz auf dich”, sagte Jake und nahm Samara in den Arm. Neytiri lächelte. Sie sagte zwar nichts dergleichen aber in ihren Augen konnte man erkennen, dass sie genauso fühlte. Samara war einfach nur glücklich. Sie hatte ihren Ikran gefangen und gezähmt und außer ein paar blauen Flecken und Schrammen war ihr nichts passiert. Der Ikran war fauchend zu den anderen zurück gekehrt und sie ließ ihn erst einmal da, wo er war. Sie wusste, dass er kommen würde, wenn sie an ihn dachte oder ihn rief. Nun waren sie miteinander verbunden - und das würde sich erst ändern, wenn einer von ihnen sterben würde. Keiner von ihnen ahnte, in welch naher Zukunft dies geschehen würde; denn eine neue Gefahr zog herauf, die noch keiner von ihnen bemerkt hatte…

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Christal, 31
Traumland