15. schreckliche Wahrheit
Tsu´tey hatte sich den Feind, den sie gerade gefunden hatten, vorgeknöpft. Die anderen - einschließlich Jake - standen um ihn herum, Jake etwas im Abseits, da er nicht mehr dazu gehörte. Dennoch sah er genug, von dem, was nun geschah.
Der fremde Krieger - und ihr Gefangener - hatte nichts gesagt, um ihnen zu helfen, obwohl sein Schicksal besiegelt war. Dennoch schien ihm der Ernst der Lage nicht bewusst zu sein, oder es war ihm - noch - egal. Tsu´tey konnte nicht mehr warten. Er nahm ein gebogenes, selbst hergestelltes Messer, das eigentlich mehr einem Dolch ähnelte, und hielt es dem Feind vor die Augen: "Du hast noch EINE Chance, endlich deinen Mund aufzumachen! Wo sind deine Freunde? SAG ES! Und was haben sie mit unseren Kindern vor?" Was sie mit den Frauen wollten, ahnte er, beziehungsweise es war ihm schmerzlich bewusst, danach brauchte er nicht zu fragen. Doch die Kinder waren sicherlich nicht wegen der selben Sache entführt worden, zumindest hoffte er das. Doch er ahnte, dass dies nicht so war. Es musste einen anderen Grund geben, weshalb ihre Kinder so wichtig für sie waren; und er wollte es nun endlich wissen!
Der gefangene Krieger lachte: "Du wirst von mir nichts erfahren, GAR NICHTS!" spuckte er ihm entgegen. Und Tsu´tey zögerte nicht mehr lange. Er nahm das Messer und zog es mit einem raschen Schnitt tief in dessen Brust. Der Krieger schrie und bäumte sich auf. Tsu´tey schnitt erneut, mit einem Gesichtsausdruck, der selbst seinen Freunden Angst machte. Jake schloss die Augen. Er hörte den Feind schreien, doch so würde Tsu´tey ihn höchstens umbringen.
Ob es wirklich etwas bringen würde, wusste Jake nicht, aber er ahnte auch, dass er Tsu´tey nichts mehr sagen konnte. Und den anderen auch nicht. Und so öffnete er die Augen wieder und sah weiter zu, wie sein ehemaliger Freund den Feind folterte.
"Sagst du mir jetzt, was ich wissen will?" knurrte dieser, und Jake sah, wie der Krieger erneut den Kopf schüttelte. Anscheinend hatte er noch nicht genug. Tsu´tey rammte ihm das Messer erneut in die Brust. Wieder schrie der Krieger auf. "Du... Du kannst so lange weiter machen, wie du willst..." keuchte er schließlich, er war kaum noch zu verstehen; "ich weiß nicht, wo sie hin sind! Wie du siehst, haben sie mich verstoßen, wenn ihr so gute Spurenleser seid, dann sucht doch nach ihnen!" Dann begann er zu grinsen; es war das Grinsen des Wahnsinns, das aus seinen Augen kam: "Ihr kommt ohnehin zu spät! Die Kinder sind alle verloren! Ihr werdet sie niemals wieder sehen..."
Weiter kam er nicht, Tsu´tey hielt das Messer an seinen Hals und beugte sich über ihn: "Sag mir, was das bedeutet! WAS GESCHIEHT MIT UNSEREN KINDERN? REDE!" Doch vorerst schwieg der Krieger und grinste nur, trotz der Schmerzen, die ihn zweifelsfrei peinigten. Tsu´tey wusste, dass er zu härteren Mitteln greifen musste. Er legte das Gemächt des Kriegers frei und drückte dieses so hart, dass es die Sauerstoffzufuhr abschnitt. Der Krieger heulte auf. Dann lagte Tsu´tey ihm das Messer direkt an sein "bestes Stück" und sagte: "Du wirst niemals wieder einer Frau auch nur zu nahe kommen! Du hast es nicht anders gewollt..."
Im selben Moment, als er tatsächlich zur Tat ansetzen wollte, hörten sie den Krieger wimmern: "Nein! Bitte... Bitte, ich weiß wirklich nicht, wo sie jetzt sind, wir sind ein Wandervolk. Wir haben keinen festen Platz, bis jetzt waren wir hier, aber sie suchen sich nun etwas neues - so lange, bis es ihnen auch dort zu unsicher wird.. Folgt ihren Spuren..." "Das habe ich jetzt verstanden! Ich will wissen, was mit unseren Kindern geschieht!" grummelte Tsu´tey, und er drückte noch fester zu, als ohnehin schon. Der Krieger schrie erneut. Im Grunde brauchte Tsu´tey das Messer gar nicht, er drückte ihm so schon die Sauerstoffzufuhr ab. Das "beste Stück" begann bereits, sich unnatürlich zu verfärben.
Der Krieger nickte: "Ich, ich werde reden, aber bitte, bitte lass los..." "Ich werde entscheiden, was ich tue, NACHDEM du geredet hast! Je länger du schweigst, desto gefährlicher wird es für dich!" antwortete Tsu´tey nur. Sein Griff blieb eisern. Schließlich gab der Krieger nach. Seine Wunden bluteten stark, und er schwitzte Blut und Wasser, doch das alles schien ihm weniger auszumachen, als die Gefahr, die von Tsu´teys Druck auf sein Geschlechtsteil ausging. Ob es wirklich der Schmerz war, oder die Angst vor den unweigerlich bevorstehenden Konsequenzen, wusste Jake nicht, aber es war ihm auch egal. Er spannte sich an. Endlich würden sie etwas näheres erfahren. Aber ob ihm das, was sie nun erfahren würden, auch gefallen würde, das war die Frage. Was wollten die verdammten Bastarde nur von und mit ihren Kindern?
Die Antwort folgte wenige Sekunden später. Mit zitternder Stimme begann der Krieger zu reden. Von der Kaltschnäuzigkeit, mit der er wenige Augenblicke zuvor noch angegeben hatte, nichts sagen zu wollen, war nichts mehr übrig: "Mein Stamm braucht Nachschub! Wir sind nicht umsonst die besten Krieger; tödlich wie die Umbazanatter! Natürlich könnten wir selbst für Nachwuchs sorgen, im Grunde tuen wir das auch - die Frauen, die wir uns nehmen, gebären ab und zu auch Nachwuchs, wenn sie es denn überleben... Aber es dauert zu lange, bis dieser groß wird, zudem nicht jeder gut genug für unseren Stamm ist..." Auch hier grinste er wieder, wohl in Erinnerungen schwelgend - aber dies war nur von kurzer Dauer, denn Tsu´tey holte ihn unsanft aus dieser wieder zurück. "Rede weiter!" knurrte er, sein Griff wurde noch fester, wenn dies überhaupt noch möglich war. "Schon gut, schon gut!" jaulte dieser auf, dann fuhr er fort: "die älteren Kinder, die auf dem Wege zum Erwachsenenalter sind, sind genau richtig, um eventuell in unsere Kriegerelite aufgenommen zu werden. Wir suchen uns besondere Exemplare heraus - und trainieren sie. Es passt nicht jeder; die, die es nicht schaffen, verlieren ihre Leben. Aber diejenigen, die unser "Training" überleben, werden stärker, mit jedem Kampf. Und dann gehören sie zu unserer Elite. Die Elite des Kriegerstammes, der Tscha´lar". Und er grinste erneut, trotz der unsagbaren Schmerzen, die er nun haben musste.
Tsu´tey und auch Jake hatten ungläubig zugehört. Dann sagte Tsu´tey, mit heiserer Stimme: "Niemand von unseren Stamm lässt sich freiwillig für einen feindlichen Stamm trainieren! Das ist unmöglich!" Der Krieger lachte, dann antwortete er: "von "freiwillig" habe ich auch nichts gesagt... Wir haben da unsere Mittel... Besonders eines, das ist sehr beliebt." Er blickte Tsu´tey in die Augen: "Deine Tochter war sehr viel versprechend, hier, in diesem Areal... Ich habe sie gesehen, als sie gekämpft hat! Zuerst ohne das Hilfsmittel. Sie hat sich mehr oder weniger verteidigt; aber auch da hat sie bereits gut gekämpft. Unser Anführer hat gewusst, dass sie es schaffen wird. Dann haben wir etwas "nachgeholfen" - "Harnivar" heißt die Droge, die zum Training benutzt wird - und da kam es richtig aus deiner Tochter heraus! Sie war gut, sehr gut sogar... So etwas habe ich noch nie gesehen. Sie hat zwei Jungen gleichzeitig erledigt - zwei ihres eigenen Stammes!" er lachte erneut. "Wenn sie so weiter macht, wird sie bald die beste sein! Und sobald sie hungrig ist, nach der Droge, wird sie alles dafür tun, um sie wieder zu bekommen. Und vielleicht wird sie die neue Anführerin der Tscha´lar? Wer weiß?" Wieder lachte er, dreckiger denn je. "Du wirst sie niemals wieder bekommen, sie ist nicht mehr deine Tochter", und er spuckte aus.
Tsu´tey sagte nichts mehr, er ließ ihn los - und nahm das Messer - um ihm eine Sekunde später damit mit einem Ruck das Glied abzutrennen. Dann stand er auf, ohne sich um den brüllenden Krieger zu kümmern. Jake starrte auf denselbigen. Er konnte nicht glauben, was dieser ihnen gerade gesagt hatte. DAS taten sie mit ihren Kindern? Zumindest mit den älteren? Anscheinend flößten sie ihnen irgend ein Teufelszeug ein, um sie zu Monstern werden zu lassen. Zu Kriegsmaschinen, die nicht mehr denken konnten, sondern nur noch mordeten? Das konnte nicht wahr sein! Sie mussten diese Bastarde finden - bevor Tanía zu eben diesem Monster wurde. Vielleicht war es noch nicht zu spät. Eventuell hatte dieser Bastard einfach nur übertrieben, um sie zu schockieren? Er hörte Tsu´tey neben sich: "Wir müssen Spuren finden! Ich will meine Tochter zurück!" Einer der anderen Krieger aus ihrem Stamm fragte ihn, leise, beinahe schüchtern: "Und wenn es bereits zu spät ist? Wenn Tanía bereits verloren ist? Und die anderen Kinder auch?" Ihn fröstelte es, als er zurück in den Graben blickte, in dem auch jüngere Kinder neben den toten Frauen lagen. Anscheinend machten sie vor niemandem Halt.
Tsu´tey sah ihn an, und sein Blick sprach Bände: "Wir WERDEN sie finden! Ich gebe mein Kind nicht auf! Und wenn ich eigene "Mittel" finden muss, um sie wieder zu dem zu machen, was sie war! Los, wir suchen nach Spuren, JETZT!" Und er steckte sein Messer wieder ein und begann, nach verwertbaren Spuren zu suchen, irgend etwas, mit dem sie etwas anfangen konnten. Auch Jake machte sich an die Arbeit. Sie mussten einfach etwas finden. Es durfte nicht sein, dass Tanía verloren war! Irgendwie war Jake froh, dass Samara zu der Zeit im Lazarett gewesen war, als der Überfall stattgefunden hatte; und es dank seiner Hilfe gelungen war, sie zu retten. Auch, wenn dies Konsequenzen für ihn hatte, die noch ausstanden. Aber wenigstens war sie ihm nicht genommen worden. Er fröstelte, wenn daran dachte, dass ihr dasselbe Schicksal ereilt worden wäre, wenn der Stamm sie ebenfalls gefangen genommen hätte. Dass sie sich gerade auf dem Weg in eine unbekannte Gefahr begab, und was damit noch alles auf sie - und auch auf ihn - zukommen sollte, konnte er nicht ahnen. Wenn er dies geahnt hätte, wäre er wahnsinnig geworden...

