12. Kapitel - Die Suche

Währenddessen waren Jake, Tsu´tey, und die anderen Omaticaya Krieger auf der Suche nach verwertbaren Spuren. Keiner von ihnen sprach auch nur ein Wort, natürlich weil sie sich konzentrieren mussten - auf Geräusche des Waldes und auf die Umgebung um sie herum - doch es lag auch eine gespenstische Atmosphäre über ihnen, die nichts damit zu tun hatte.
Jake wusste, was es war; und es hatte nur mit ihm zu tun. Tsu´tey führte sie an, erlief direkt hinter ihm, doch man merkte seinem - ehemaligem - Freund an, dass er eine extrem ablehnende Haltung hatte. Die anderen liefen direkt neben und hinter ihm, und Jake spürte ihre Blicke geradewegs auf seinem Rücken. Ihm war durchaus bewusst, dass der einzige Grund, weshalb er überhaupt dabei war, sein einzigartiger, nur mit Tsu´tey vergleichbarer Sinn im Spurenlesen war. Natürlich waren die anderen auch gut, doch keiner konnte es mit ihm und seinem - ehemaligen - Freund aufnehmen. Nur deswegen hatten sie ihn nicht sofort verstoßen, oder schlimmeres mit ihm gemacht. Das wusste Jake, und es fröstelte ihn.

Doch nun musste er sich zusammen reißen und so lief Tsu´tey auf der linken Seite des Weges, den sie nun eingeschlagen hatten, und Jake - etwas hinter ihm - auf der rechten. Sie suchten jeden Grashalm nach Fußspuren ab, jede noch so kleine Kerbe wurde von ihnen begutachtet und meistens wieder verworfen, weil sie merkten, dass es nur von wilden Tieren stammen konnte. Doch sie waren nicht zum Jagen hier - jedenfalls keine Tiere. Jetzt jagten sie Zweibeiner; Bastarde, die sich erdreistet hatten, ihre Heimatstätte anzugreifen, einige ihrer Liebsten zu töten und ihnen andere mit Gewalt zu entreißen. Kinder, Frauen, Alte und Schwache... Jake fühlte Hass in sich aufsteigen. Und er wusste, dass es Tsu´tey und allen anderen, die bei ihnen waren, auch nicht besser erging. Doch die Stille, die über ihnen lag, erdrücke Jake beinahe. Normalerweise hätten sie sich ausgetauscht, zumindest Tsu´tey und er. Sie waren immer wie Brüder gewesen, nachdem die anfänglichen Schwierigkeiten zwischen ihnen beseitigt waren. Das, was jetzt zwischen ihnen lag, war noch schlimmer als damals. Und Jake wusste nicht, was geschehen würde, wenn sie ihre Mission erfüllt und, hoffentlich, alle Gefangenen gesund befreit hatten - einschließlich natürlich Tanía.

Jake fühlte eine Mischung aus Groll und Mitgefühl. Groll gegen diesen feindlichen Stamm, den sie nicht einmal kannten und der sie zum Feind auserkoren hatte. Gleichzeitig fühlte er mit Tsu´tey, der seine Frau verloren hatte, die Jake ebenso gern gehabt hatte. Wenn er doch nur in der Lage wäre, Tsu´tey dies mitzuteilen...
Auch, dass er es ebenfalls kaum ertragen konnte, dass Tanía verschwunden war. Tsu´teys Tochter und die beste Freundin seiner Tochter. Samara... Jakes Herz krampfte sich zusammen, als er an sie dachte. Wie es ihr jetzt wohl ging? Und wie würde Neytiri mit ihr umgehen? Er wusste, dass sie ihre Tochter liebte, doch sie war nie, so wie er, in der Lage gewesen, dies auch zu zeigen. Was sich in der Zwischenzeit bei Neytiri und Samara abgespielt hatte, wusste Jake ja nicht. Und die anderen wussten es ebenso wenig, die immer noch schweigend hinter ihnen her liefen...

Die Stille war erdrückend, doch Jake konnte nichts dagegen tun. Wenn Missachtung greifbar war, dann spürte er geradezu die Zange, die sich um ihn zuzog. Dennoch versuchte er, dies zu ignorieren, und schaute sich akribisch um. Er besah sich jeden Grashalm an seiner Seite, und jede Veränderung setzte sich zu einem Bild in seinem Kopf zusammen. Wenn ein Grashalm zerbrochen, oder zertreten, war, wusste er sofort, welches Lebewesen dies getan hatte. Bis jetzt hatte er nur Jagdtiere gefunden, von denen er ebenfalls wusste, dass sie schon lange aus der Gegend, in der sie sich nun befanden, wieder verschwunden waren.
Doch plötzlich blieb er stehen und kniff die Augen zusammen. Er sah einen Strauch, der so zusammen gedrückt war, dass es kein Tier gewesen sein konnte. Er pfiff kurz durch die Zähne, ein Zeichen, dass er auf etwas gestoßen war, und Tsu´tey kam schweigend zu ihm und kniete sich neben ihn. Er sprach nicht, doch er griff mit seinen Fingern in den Strauch hinein, und sein Gesicht verzog sich noch mehr als ohnehin schon. Jake konnte den Hass in seinen Augen sehen, und seinen Schweiß riechen, der aus seinen Poren rann.

Auch zuvor hatte er geschwitzt und war angespannt gewesen, durch die ganze Situation bedingt, auch Jake betreffend, doch nun hatte sich dies mindestens verzehnfacht. Auch Tsu´tey wusste sofort, dass sie gefunden hatten, wonach sie so lange suchten. Das waren nicht einfach "nur" Spuren eines Mitglieds irgend eines fremden Stammes, das waren SIE! Sie konnten es riechen. Die Bastarde hatten in ihrem Dorf ebenfalls Spuren hinterlassen, die Spuren des Todes und der Verwüstung - und dieser Geruch klebte an ihnen. Auch das Dorf, das vor ihrem überfallen wurde, hatten Jake und Tsu´tey nicht vergessen, und da hatten sie ebenfalls so etwas gerochen.
Ja, sie erkannten es, und Tsu´tey stand wieder auf und sagte, mit knurrendem Unterton, "wir müssen da lang, beeilt euch!" Dann lief er los und Jake und die anderen folgten ihm, schneller als zuvor. Sie hatten endlich eine Spur gefunden. Würde es reichen, um sie noch rechtzeitig zu finden und ihre Freunde und vor allem die Kinder retten zu können? Sie wussten es nicht, doch Jake konnte es nur hoffen. 'Bitte Eywa; Lass nicht auch noch Tanía tot sein! Lass sie leben, ich bitte dich!' betete Jake still zu ihrer gemeinsamen Gottheit, in der stillen Hoffnung, dass sie ihn, nachdem was er getan hatte, noch anhören würde. Doch er hatte es für Samara getan, und er hatte immer noch die Hoffnung, dass Eywa es ihm vergeben würde. Und selbst wenn nicht - er betete für Tanías Leben, seins war ihm egal. Er wusste dass, wenn dies hier vorbei war - wie auch immer - sie ihn vermutlich richten würden. Entweder mit dem Tode oder mit Verbannung. Etwas anderes stand nicht zur Diskussion. Und beides würde grauenhaft sein. Wobei der Tod noch das kleinere Übel war, wenn er bedachte, für immer in die Ferne geschickt zu werden, und seine geliebte Familie nie wieder sehen zu können...
Doch nun musste er sich wieder zusammen reißen. Es war noch nicht soweit. Sie brauchten ihn. Deswegen war er hier! Und er war es gewesen, der die erste brauchbare Spur gefunden hatte, also schaute er, gewissenhafter denn je, nach weiteren Spuren. Dasselbe taten natürlich auch Tsu´tey und die anderen, doch erstmal blieben sie aus...


Tanía war wieder zurück in Gefangenschaft gebracht worden. Sie sah schrecklich aus: Blutüberströmt von dem Blut der beiden Jungen, die sie - unfreiwillig - getötet hatte. Noch war sie bewusstlos, und die anderen Mädchen wichen vor ihr zurück. Die Krieger des feindlichen Stammes nahmen schweigend ein anderes Opfer mit sich, ebenfalls ein Mädchen, das sich versuchte, kreischend zur Wehr zu setzen, doch es wurde so hart geschlagen, dass es Blut spuckte. Der Krieger sah sofort, dass es nicht mal annähernd so stark war, wie die andere, doch vielleicht könnte, mit Hilfe des Harnivars, etwas Stärke aus ihr heraus gezogen werden? Und so versuchten sie es auch mit ihr, doch es war hoffnungslos.
Das junge Mädchen war auch mit der teuflischen Droge nicht fähig, gegen die blutrünstigen Gegner zu bestehen - bei ihr wurde zuerst mit jungen Kriegern der eigenen "Garde" getestet - und sie starb. Ihr Leichnam wurde einfach in einen Graben geworfen, in dem bereits zig Leichen lagen und begannen, zu faulen..

Granar, der Anführer der Tscha´lar, spürte, dass es Zeit war, erneut aufzubrechen. Sie waren Nomaden, die regelmäßig ihr Lager verließen. Er konnte es selbst nicht erklären, aber er fühlte, dass es nun wieder soweit war. Vielleicht war ihnen tatsächlich jemand auf den Fersen? Sie waren schon zu lange an diesem Platz verharrt, und dies teilte er nun seinem Volk mit. Natürlich mussten sie eine Auslese treffen. Die "besten" Frauen wurden mitgenommen, die allerdings nur eine Handvoll sein konnten, und vorab ebenfalls mit der Droge kaltgestellt wurden. Dann diejenigen der Kinder, die als Kämpfer zu gebrauchen waren. Selbstverständlich gehörte Tanía dazu. Dann gab es noch mindestens zwei Jungen und drei weitere Mädchen, die zwar nicht so gut waren wie sie - an sie kam niemand heran - doch auch nicht zu verachten.

Die Entscheidung war getroffen, und auch, wann sie weiter ziehen würden. Doch vorab mussten sie noch die Frauen und Kinder töten, die sie nicht mehr gebrauchen konnten. Die Kinder töteten sie sofort. Ohne ein Gefühl des Mitleids schlitzten sie ihnen die Kehlen auf. So, wie Tanía es im Kampfrausch mit ihrem "Gegner" getan hatte. Doch bei den Frauen, die sie nicht mitnehmen wollten, ging es nicht so schnell. Sowohl Granar als auch seine Krieger waren voller Trieblust. Und dem gingen sie noch nach, da sie selbst nicht wussten, wie lange es dauern würde, bis sie das nächste Lager aufschlagen konnten, und wie viel Anstrengung es sie kosten würde, dieses zu bekommen, sollte es nicht leer sein... Also mussten sie sich jetzt abreagieren, und neue Kraft tanken...
Und das taten sie. Lange und mit einer Härte, die alles übertraf, was die Frauen bis dahin bereits durchgemacht und überstanden hatten. Alles Männer der Tscha´lar fielen über die Frauen her, die nur noch für diese Zwecke gebraucht wurden, und einer nach dem anderen. Man hörte die Schreie, solange, bis sie langsam und qualvoll verendeten.. Ja, sie wurden geschändet bis zum Tod und es stärkte die Tscha´lar in der Tat, denn es war ebenfalls wie eine Droge für sie. Zumal auch sie vorab etwas von dem Harnivar in sich aufnahmen, um es noch ausführlicher genießen zu können..

Und während dieses furchtbaren Vergehens an den Frauen ihres Stammes, erwachte Tanía aus der Dunkelheit. Sie wusste zuerst nicht, wo sie war, denn sie befand sich nicht mehr in der Zelle mit den anderen. Dafür merkte sie, dass sie mit breiten Kautschukbändern gefesselt und geknebelt war, so feste, dass es ihr beinahe unmöglich war zu atmen  - von den Schmerzen einmal abgesehen. Sie spürte Körper, auf denen sie lag, und jetzt ahnte sie, dass sie auf einem Wagen oder etwas ähnlichem, lag. Dann hörte sie die Schreie - und sie wusste, was es war, denn sie hatte diese Schreie bereits öfters gehört, doch diese übertrafen alles bisher da gewesene. Sie zitterte, als die Schreie in schrilles Kreischen übergingen - und dann abrupt abbrachen. Eines nach dem anderen. Bis es schließlich still war... Tanía wurde schlecht. Nicht nur, wegen der Droge, die immer noch in ihr war, sondern weil sie wusste, was es bedeutete: Die Frauen waren tot: Entehrt und gefoltert bis zum Tode..
Die Droge kam ihr hoch, und durch das Kautschukband in ihrem Mund erstickte sie beinahe daran, denn es floss nicht durch ihren Mund, sondern in ihre Nase und ihre Augen. Dennoch hatte sie Glück, das Gefühl des Erstickungstodes verging, und nachdem alels aus ihr heraus geflossen war, konnte sie wieder atmen. Schlecht, aber es war möglich.. Und dann spürte sie, wie sich der Wagen, oder was auch immer, in Bewegung setzte; die Körper fielen auf sie, denn sie waren nicht gesichert. Und Tanía rollte sich in sich zusammen und weinte still. Sie hatte von ihrem Vater gelernt, nicht zu weinen, da dies eine Schwäche war - doch jetzt war es ihr egal. Ihre Mutter war tot - entehrt von diesen Bastarden - und ihren Vater würde sie vermutlich niemals wieder sehen. Und wohin auch immer dieses perverse Volk sie auch brachte, sie würde weiterhin gezwungen sein, gegen ihresgleichen zu kämpfen - und mithilfe dieses furchtbaren Gebräus, das sie trinken musste, würde sie dies auch tun. Sie würde ihre Brüder und Schwestern ermorden - und Tanía wünschte sich, zu sterben. Doch diesen Gefallen tat Eywa ihr nicht, als sie immer weiter ins Ungewisse ruckelte...


Es waren einige Stunden vergangen, als neue Spuren auftauchten, die dieses Mal von Tsu´tey aufgegriffen wurden. Sie zogen den Schritt immer weiter an. Schließlich hatten sie ein Lager gefunden, doch sie wussten direkt, als sie es sahen, dass es leer war. Noch nicht lange, dass konnten sie auch erkennen, aber es war leer. Verlassen.. Doch sowohl Tsu´tey als auch Jake und die anderen wussten sofort, dass es das Lager des feindlichen Stammes war, den sie suchten. Tsu´tey brüllte auf. Wenige Minuten später hatten sie einen riesigen Graben gefunden - mit Leichen ihrer Männer, der Kinder - und Frauen. Und alle sahen entgeistert und mit versteinerten Gesichtern, was ihnen angetan worden war.
Neben Jake sank einer der befreundeten Krieger zu Boden. Er hatte seine Frau entdeckt und keuchte nur noch. Auch Tsu´tey kamen Erinnerungen hoch und er ballte die Fäuste. "Kay´lia" wisperte er, in der Meinung, es hätte niemand gehört, doch Jake hatte es registriert. Er wusste zuerst nicht, was sein ehemaliger bester Freund meinte, doch dann wurde er blass. Tsu´tey hatte ihm bis jetzt nur gesagt, dass seine Frau ermordet worden war, hatten sie diese etwa auch?.. Er blickte ihn an und fragte: "Ist Kay´liah etwa..." Tsu´tey starrte ihn an und sein Blick verriet Jake, dass er lieber schweigen sollte. "Tut mir leid.." flüsterte er nur, dann senkte er seinen Blick und schloss die Augen. Er erwartete beinahe, einen Schlag von ihm zu erhalten, doch es geschah nichts dergleichen.

Stattdessen hörte er schließlich Tsu´teys raue Stimme, die an sein Ohr drang, als er sagte: "Wir werden hierher zurück kehren, und ihnen allen ein anständiges Begräbnis bieten. Doch jetzt begeben wir uns erneut auf Spurensuche! Wir müssen etwas finden! Sie können noch nicht lange fort sein - und ich schwöre bei Eywa, wenn wir sie finden, wird sie kein leichter Tod ereilen! Sie werden leiden, wie sie noch nie gelitten haben!" Und sein Gesicht nahm einen Ausdruck an, den selbst Jake noch nie an ihm gesehen hatte. Und auch, wenn er es nachvollziehen konnte, er machte ihm Angst..
Dann hörte er eine Stimme neben sich, die Stimme des Mannes, der seine Frau wieder erkannt hatte: "Aber die Frauen können keine Beerdigung bekommen, sie sind entehrt, Eywa würde sie nicht akzeptieren..." Tsu´tey sah ihn an. Sein Blick sprach Bände, und auch, wenn Jake nicht weiter gefragt hatte, er wusste Bescheid..
Auch Kay´lia war entehrt worden, und Tsu´tey würde es nicht akzeptieren, sie unentehrt und ohne sich von ihr zu verabschieden, ziehen zu lassen. Doch nun war keine Zeit für Diskussionen. Und dies sagte Tsu´tey dann auch: "Darüber reden wir später. Ich werde für das Seelenheil der Frauen beten. Wir werden sie sicher nicht einfach hier lassen, damit die Wallaras oder andere wilde Bestien über sie herfallen! Zwei von uns bleiben hier und achten auf sie. Und wir anderen werden uns weiter auf Spurensuche begeben. Los!"

Die anderen sahen ihn an und dann sagte Enok, ebenfalls ein guter Freund Tsu´teys: "Dann lass Jake hier - wir brauchen ihn nicht mehr! Er kann solange auf sie aufpassen - bis wir zurück kmmen und die Leichen mitnehmen." Sein Gesicht sprach Bände. Tsu´tey sah in an, während Jake auf den Boden starrte. War es jetzt soweit? Sie hatten erst die Hälfte des Weges geschafft, wenn überhaupt. Ein Teilerfolg, aber sie hatten die Bastarde noch nicht. Und von den anderen Frauen, Männern und Kindern, die entführt worden waren, war nichts zu sehen, also war wohl klar, dass sie sie mitgenommen hatten.
Das wusste auch Tsu´tey, und so antwortete er, mit zusammen gebissenen Zähnen: "Wir brauchen ihn, das weißt du auch! Er ist neben mir einer unserer erfahrensten Spurenleser! Und nun kommt! Über das andere reden wir, wenn unsere Aufgabe erfüllt ist. Unsere Frauen, Männer und Kinder zu retten, die noch gerettet werden können!" Und es war klar, wen er hauptsächlich damit meinte - Tanía!
Und so bissen sie alle die Zähne zusammen, blickten noch einmal in den Graben, zu den Leichen, und begannen erneut, nach Spuren zu suchen. Zwei von ihnen blieben, wie von Tsu´tey angeordnet, bei diesen und bewachten sie. In erster Linie vor Raubtieren, doch irgendwie hatten sie auch die Hoffnung, dass sie zweibeinige "Raubtiere" in ihre Hände kriegen könnten, die ihnen behilflich sein könnten...

Tsu´tey, Jake und die anderen hatten sich erst einige Schritte von dem Graben entfernt, vor dem die beiden "Bewacher" standen, als einer von beiden einen schrillen Pfiff ausstieß. Es war eine Warnung, und Tsu´tey und Jake drehten sich auf den Fersen um und liefen sofort zurück. Sie zogen ihre Waffen hervor und Tsu´tey knurrte: "Was ist los? Hast du etwas entdeckt, was wir nicht gesehen haben?" Bennard, der zweite Krieger, der neben Enok dort geblieben war, zeigte auf den Leichenhaufen unter ihnen. "Sieh, dort, ganz hinten ist ein Krieger, der nicht von unserem Stamm ist - und er lebt! Er tut so, als wäre er ebenfalls tot, aber ich kann seinen Schweiß rinnen sehen, und er atmet; flach und langsam - aber er atmet!"

Sowohl Tsu´tey als auch Jake kniffen die Augen zusammen und starrten nach unten. Zuerst konnte Jake nichts erkennen, doch dann registrierte auch er eine Gestalt, die ihm erst einmal nicht bekannt war, also in der Tat nicht zu ihrem Stamm gehörte, und dann, wie von Bennard bemerkt, nicht atmete! Das war einer von ihnen, der sich versteckt hielt! Warum er von seinen eigenen Landsleuten hier zurück gelassen wurde, wusste Jake nicht, aber das war ihm auch egal. Sie hatten einen Gefangenen, und er wusste, was sein Freund mit ihm tun würde. Dasselbe, was auch er ihm gerne antün würde, aber er war kein Anführer mehr.

Während er noch nachdachte, gab Tsu´tey den Befehl, den fremden Krieger aus dem Leichenberg zu heben. Dieser bewegte sich immer noch nicht, obwohl sein Schicksal besiegelt zu sein schien. Hatte er es nicht begriffen, dass sie seinen Schwindel bemerkt hatten? Oder hatte er die Hoffnung, dass es weniger furchtbar für ihn werden würde, nur, weil er sich tot stellte?
Dies sollte sich gleich als Irrtum heraus stellen. Die Männer hievten die Leichen zur Seite, auch, wenn es ihnen weh tat, dies tun zu müssen, doch dann hatten sie ihn und zogen ihn mit harter Gewalt nach oben. Tsu´teys Griff war so feste, dass sich seine Nägel in dessen Fleisch bohrten - und die angebliche "Leiche" schrie auf.
Damit war sein Schicksal besiegelt. Der Krieger lag am Boden und Tsu´tey stürzte sich auf ihn. Seine Hände umschlossen seinen Hals und er drückte zu. Jake sah mit leichtem Schaudern, wie sich sein Gesicht zu einer Fratze verzog. Der fremde Krieger bekam keine Luft mehr und röchelte. Jake ahnte, dass er eingreifen musste. Wenn sie etwas aus ihm heraus bekommen wollten, dann mussten sie am Leben lassen. Er ahnte zwar, was Tsu´tey mit ihm vorhatte, und auch, wenn es ihm durchaus nicht behagte, tief in sich drin hatte er das gleiche Verlangen - dennoch wusste er auch, dass sie ihn nicht töten durften - noch nicht!

Er stellte sich neben Tsu´tey und legte ihm eine Hand auf die Schulter: "Mein Freund, bitte!.." sagte er leise, doch dieser schüttelte ihn ab und blickte zu ihm auf. Sein Gesicht war immer noch verzerrt. Verzerrt vor Schmerz und Hass. Und Jake fröstelte es, als er Tsu´teys Stimme hörte: "Fass mich nicht an - und nenn mich nie wieder "Freund" - die Zeiten sind vorbei! Hast du verstanden? Was willst du?"
Jake schluckte. Es war also tatsächlich vorbei.. Dann riss er sich zusammen und sagte, nachdem er seine Hand zurück gezogen hatte: "Verzeih.. Ich wollte nur anmerken - wenn ich es darf - dass es besser wäre, wenn wir ihn am Leben lassen. Ich weiß, was er getan hat, aber wir könnten uns von ihm sagen lassen, wo die Bastarde sind, wenn er es weiß. Und er kann uns bestimmt sagen, was sie mit den Kindern vorhaben, die sie mitgenommen haben. Er kann uns eingiges erzählen, aber sicher nicht, wenn du ihn umbringst.."

"SCHWEIG! Ich bestimme, was geschieht!" antwortete Tsu´tey, und Jake senkte sein Haupt. Doch während Jake ihm zugeredet hatte, hatte Tsu´tey den Feind losgelassen, und dieser hustete. Er war tatsächlich beinahe am Erstickungstod gewesen.
Doch schien es ihm langsam wieder besser zu gehen, und er blickte sowohl Tsu´tey als auch Jake beinahe hämisch grinsend an. Seine Stimme war immer noch heiser, als er schließlich zu ihnen sprach. Er hatte einen fremdartigen Dialekt, dennoch konnten sie ihn verstehen, als er antwortete: "Von mir erfahrt ihr gar nichts! Von mir aus könnt ihr mich töten - ich bin ohnehin dem Tod geweiht! Aber ich werde meinen Stamm nicht verraten; macht mit mir, was ihr wollt!"
Und Tsuß´tey nahm in beim Wort. Er wollte ihn nicht mehr töten, obwohl das in der Tat sein erster Impuls gewesen war. Doch nun hatte er die selben Gedanken wie Jake, auch, wenn er dies niemals zugeben würde. Dennoch war ihm auch klar, dass sie diesen Krieger brauchten - und er würde ihnen alles verraten! Dafür würde er sorgen! Und so zog er ihn zu sich heran und sprach, mit knurrender Stimme und funkelnden Augen: "Nun gut, du willst es nicht anders, du Sohn eines wandelnden Urukas -
Jetzt werde ich dir zeigen, was mit dir geschieht, wenn du nicht redest! Du hast noch eine einzige Chance - rede jetzt, dann geschieht dir nichts! Ansonsten wird es JETZT beginnen und erst dann aufhören, wenn du redest!"
Jake wusste, was Tsu´tey meinte, und ihm wurde schlecht. Doch er ließ es geschehen und es folgte das Unvermeidliche, da der feindliche Krieger weiter beharrlich schwieg...

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Christal, 31
Traumland