16. ein tödlicher Freundschaftsbeweis...
Währenddessen lief Samara immer weiter diesem unbestimmten Gefühl nach, das sie antrieb. Und sie fragte nicht weiter, sie folgte diesem Gefühl immer weiter, ohne zu wissen, wo sie eigentlich war, beziehungsweise wohin sie laufen würde. Sie vertraute ihrer Gottheit. Alles, was sie wollte war, Tanía zu finden, bevor sie das tun konnte, was sie in ihrem Traum, die sie zuvor gehabt hatte, gesehen hatte. All die furchtbaren Dinge; sie musste verhindern, dass Tanía zu dieser Mörderin mutierte. Sie war dazu auserwählt, dafür zu sorgen, dass Tanía so blieb, wie sie war. Ihre beste Freundin.
Und so lief Samara stetig in den Wald hinein, der immer dichter wurde. Sie achtete auf jedes Geräusch, denn sie erinnerte sich, dass sie ebenfalls über einem Waldgebiet gewesen war, als sie angegriffen wurde. Ja, sie hatte den Angriff auf ihr Leben nicht vergessen. Und es versetzte ihr einen Stich in ihre Herzgegend, als sie daran dachte, dass sie ihre Mutter nun allein gelassen hatte. Jake war fort, auch das schmerzte sie, da sie nicht wusste, wo er war und was mit ihm passierte. Und dass es ihretwegen geschehen war, schmerzte sie ebenfalls.
Doch dann riss sie sich wieder zusammen. Sie musste sich auf auf ihr Gefühl konzentrieren! Leider hatte sie überhaupt keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis sie endlich dort ankam, wo Tanía festgehalten wurde. Sie lief jetzt schon gefühlte Ewigkeiten in eine, wohl von Eywa festgeschriebene Richtung; aber wie lange es dauern würde, bis sie ihr Ziel erreicht hatte, wusste sie nicht.
Dann blieb sie erschrocken stehen. Vor ihr tauchte plötzlich, und ohne Vorwarnung, ein Wesen auf, auf das sie nicht vorbereitet war. Ein riesiger Mala-tchi. Er sah aus wie eine Wildkatze in der Menschenwelt - Jake hatte ihr diverse Tiere aus seiner ehemaligen Welt beschrieben - nur, dass es wesentlich größer war. Und seine Reißzähne waren gigantisch. Vielleicht war es am ehesten mit einem "Säbelzahntiger" zu vergleichen, die es wohl früher mal auf der Erde gegeben hatte...
Wie auch immer, Samara fühlte sich nicht wohl, um gegen den vermeintlichen Feind zu kämpfen; aber sie spannte ihre Muskeln an. Das Tier zog seine Lefzen hoch - dann drehte es sich um und legte sich auf den Boden. Ein eindeutiges Zeichen, dass es ebenfalls nicht kämpfen wollte!
Zuerst war Samara irritiert, dann verstand sie: Das war ebenfalls ein Zeiche Eywas! Langsam ging sie zu dem Tier und strich ihm vorsichtig durch das Fell. Es stieß ein leises Geräusch aus, das sie tatsächlich als "Schnurren" identifizierte. Dann grollte es etwas lauter. Es schien ungeduldig zu werden, und Samara setzte sich auf seinen Rücken. Der Mala-tchi lief los. Samara musste sich in dem Hals des Tieres festkrallen, so schnell begann er, zu rennen.
Er wusste definitiv, wohin er lief, und Samara dachte gar nicht mehr weiter darüber nach. Sie vertraute ihm. Ihm, beziehungsweise Eywa.
Während Samara auf dem Weg war, hatte sich Tanía in ihrem Versteck beinahe nach der Droge verzehrt. Doch sie bekam sie nicht mehr. Niemand war zu ihr gekommen, um ihren "Durst" zu stillen. Ihre Augen glühten rot. Sie sah nicht mehr, was um sie herum geschah. Sie hörte auch nicht mehr, wenn jemand von ihren, ebenfalls gefangenen, Freunden, nach ihr rief. Sie "sah" nur noch die Geister, die ihr geschickt wurden. Gesichter, die auf sie zuflogen; und die Stimmen, die ihr innerer Drang nach dem Harnivar ihr vorgaukelte.
Ihr Mund fühlte sich trocken an. Ihre Lippen waren rissig. Sie war ausgezehrt; doch das alles spürte sie nicht. Nur die Sehnsucht nach dem Getränk, das sie alles andere vergessen ließ. Sie war stark, wenn sie es trank. Sie konnte gegen alles kämpfen - gegen den stärksten Feind der Welt! Dass sie beim letzten Kampf wieder jemanden aus ihrem eigenen Stamm getötet hatte, und das auf eine furchtbare Art, hatte sie gar nicht wirklich mitbekommen...
Der Anführer der Tscha´lar spürte, dass es bald wieder so weit war. Er wollte sie erneut ankämpfen lassen; allerdings waren die anderen noch nicht so weit - trotzdem er auch ihnen ab und an die Droge einflößen ließ. Dennoch wusste er, dass auch Tanía bald wieder damit "beglückt" werden musste.
Und so entschied er sich dazu, es erneut geschehen zu lassen. Schließlich wurde Tanía aus ihrem Gefängnis gezogen. Sie ließ widerstandslos alles über sich ergehen. Parallel zogen sie ein anderes Mädchen aus ihrem Stamm in den Ring. Dann rissen sie sowohl Tanía als auch dem anderen Mädchen den Kopf zurück - und flößten beiden das "Getränk" ein.
Bei Tanía hatte er eine fatale Wirkung. Das andere Mädchen war noch nicht so oft mit der Wunderdroge konfrontiert worden, und dementsprechend wehrte sie sich zu Beginn noch. Natürlich hatte es keinen Sinn.
Doch Tanía hatte nur darauf gewartet. Sie sog die Flüssigkeit gierig in sich auf. Schon wenige Sekunden, nachdem Granars Männer ihr den Trog hingehalten hatten, konnten sie sie los lassen. Tanía trank, als hätte sie wochenlang nichts mehr zu trinken bekommen. Sie war schweißgebadet, doch als sie fertig war, glühte ihr Gesicht und ihre Augen sprühten Funken. Granar sah, dass sie bereit war. Und das andere Mädchen ebenfalls.
Er wollte gerade den Befehl geben, die beiden aufeinander lospreschen zu lassen, als er etwas spürte. Langsam blickte er sich um. Noch sah er es nicht, aber er spürte eine Anwesenheit in dem Waldgebiet, das das Lager umgrenzte, auf sie zukommen. Und es war gefährlich! Zudem spürte er, dass die Macht, die sich näherte, etwas mit diesem Mädchen zu tun hatte...
Er gab seinen Männern den Befehl, die beiden noch festzuhalten. Obwohl beiden anzusehen war, wie sehr sie kämpfen wollten - töten wollten! Beiden war die Mordlust ins Gesicht geschrieben. Granars Männer fragten sich zwar, was ihr Anführer damit bezweckte, aber niemand wagte, zu fragen, oder gar sich ihm zu widersetzen. Also hielten sie beide Mädchen noch zurück. Doch gerade bei Tanía wurde es immer schwieriger, nachdem sie gerade die Morddroge getrunken hatte.
Dann war es soweit, und Granar konnte sehen, was da aus dem Schatten des Waldes kam, auch, wenn er es kaum fassen konnte. Auch seine Söldner erstarrten und erhoben ihre Waffen, doch er gebot ihnen Einhalt. Er ahnte, dass es einen Grund gab, weshalb dies gerade jetzt geschah - und das auf so eine ungewöhnliche Art und Weise...
Samara wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, die sie auf dem Rücken der Wildkatze verbracht hatte. Sie war diesem Tier ausgeliefert, doch sie hatte keine Angst. Sie vertraute ihm, denn sie wusste, dass es von Eywa kam.
Dann merkte sie, dass das Tier langsamer wurde - und der Wald wurde lichter. Anscheinend kamen sie zu seinem Ende.
Sie wollte, dass der Mala-tchi anhielt, damit sie sich vorsichtig in der Gegend umschauen konnte, doch er hörte nicht auf sie. Etwas langsamer, aber immer noch ohne erkennbaren Stopp, rannte er auf das Ende des Waldes zu. Scheinbar war dort eine Lichtung, wie Samara erkennen konnte. Sie wollte doch nicht einfach ohne Schutz zu den Feinden. Was dachte sich das Tier dabei? Sie lag auf dem Präsentierteller! Langsam wuchs ihre Verzweiflung. Sollte sie abspringen? Sie war nahe dran, dem Tier vom Rücken zu springen, doch ein tiefes Grollen seinerseits, und ein Gefühl, das ihr "sagte", dass dies ein Fehler war, ließ sie von ihrem Vorhaben Abstand nehmen. Sie fügte sich ihrem Schicksal, und ließ es zu, dass die Wildkatze tatsächlich bis zum Beginn der Lichtung lief. Dort stoppte es. Aber es war bereits zu spät. Was Samara sehen konnte, verschlug ihr den Atem:
Sie sah eine Art "Kampfarena", um die nicht gerade wenige ihrer Feinde standen. Sie alle hatten sich zu ihr gewandt. So, als wüssten sie bereits, dass sie kam. Wie konnte das sein? Sie waren doch so leise gewesen?
Doch bevor se weiter nachdenken konnte, blickte sie auf den Kampfplatz - und erstarrte. Da war sie! Die wahr gewordene Vision! Ihre beste Freundin Tanía, die beinahe so etwas wie eine Schwester für sie war, stand dort, nicht zu übersehen, im Wahn! Und ein anderes Mädchen, das Samara flüchtig kannte. Und auch sie erkannte sie als das Mädchen aus ihrem "Traum". Mit ihr hatte sie nie viel zu tun gehabt, aber trotzdem gab es ihr einen Stich, als sie realisierte, dass auch sie unter dem Einfluss der Droge stand. Denn das musste es sein, mit dem ihre Freundin zur Mörderin wurde. Samara wusste, wenn sie nichts tat, und zwar hier und jetzt, würde alles so werden, wie in ihrer Vision. Und das konnte sie nicht zulassen!
Sie wollte vorwärts preschen und schreien; Tanías Namen rufen, sie zur Vernunft bringen - doch es kam anders. Noch bevor sie den Mund aufmachen konnte, hörte sie einen Mann rufen, der wohl der Befehlshaber zu sein schien: "Komm her, Mädchen! Du bist doch hier, um deinen Freunden zu helfen, nicht wahr? Bist du stark genug, um gegen eine von ihnen zu kämpfen? Gegen die stärkste von UNS?" Und er zeigte auf Tanía!
Samara hielt den Atem an. Hatte er gerade gesagt, Tanía wäre eine von ihnen? Nein, das würde sie niemals zulassen! Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und lief auf die Arena zu.
Der Mala-tchi blieb wo er war. Er folgte ihr nicht, aber er schaute ihr noch einige Sekunden lang nach, bevor er schließlich wieder im Wald verschwand. Niemand von den Tscha´lar folgte ihm...
Dann war Samara bei dem Anführer angelangt. Ihr Herz klopfte. Doch sie wollte sich ihre Angst nicht anmerken lassen. Stolz erhobenen Hauptes stand sie vor ihm und sagte schließlich: "Lass meine Freunde gehen! Ich beuge mich deinem Willen, wenn du sie ziehen lässt!" Der Anführer lachte. Es war ein bitteres, gehässiges Lachen, das abrupt endete. Dann sagte er: "Du hast Mut, kleine Omaticaya! Denkst du wirklich, ich würde deine Freundin gehen lassen, nur weil DU es willst?" Er lachte erneut. Dann wurde er schlagartig ernst. Sein Gesicht nahm einen Ausdruck an, der Samara frösteln ließ: "Du wirst dich entscheiden müssen... Wie weit gehst du, für die Freiheit deiner Freundin? Willst du zusehen, wie die beiden sich zerfleischen, bis auf den Tod? Denn sie sind so weit - sieh sie dir an! Den beiden steht die Mordlust im Gesicht! Und das wird auch so sein, wenn du kämpfst! Bist du bereit, dein Leben für ein anderes zu geben - Omaticaya?" Das letzte hatte er in einem Ton gesagt, den selbst seine Anhänger fürchteten.
Samara wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie wollte gegen niemanden kämpfen. Und schon gar nicht gegen jemanden aus ihrer eigenen Sippe - gegen ihre Freunde! Doch wenn es nicht anders ging, um Tanía zu retten, dann musste sie das tun! "Ja, ich werde kämpfen! Lass Tanía gehen!"
Granar sah sie an, dann lachte er, dieses Mal aus vollem Halse, und drehte sich zu den beiden jungen Männern um, die das andere Mädchen festhielten. "Bringt sie zurück", sagte er nur, und die beiden gehorchten. Ungläubig sah Samara, wie das andere Mädchen fort gebracht wurde. War nun der Spuk vorbei? Doch wieso war Tanía noch da? Noch hatte sie es nicht wirklich verstanden - doch dann hörte sie den Anführer sprechen: "Und nun, darf ich dir deine Gegnerin vorstellen - aber nein, ich nehme an, du kennst sie bereits. Vermutlich sogar sehr gut! Sie wartet bereits auf dich - und ich kann dir versichern, dass sie dich nicht erkennen wird. Ob dir das hilft oder nicht, musst du entscheiden!"
Damit gab er erneut ein Zeichen, und Samara wurde grob gepackt, und ohne weitere Vorwarnungen in die Kampfarena geführt.
Um sie herum drehte sich alles. Das war es also, was dieser Bastard gewollt hatte. Dass sie mit Tanía kämpfte? Wollte das Eywa etwa auch? Das konnte doch nicht wahr sein! Samara hatte sich bis jetzt vorgemacht, dass sie gegen Moa´ki kämpfen konnte, das andere Mädchen, das eigentlich Tanías Gegnerin hätte sein sollen. Sie wusste, dass diese nicht so gut war wie sie beide, und sie hätte sicherlich eine Chance gegen sie gehabt. Trotz des Einflusses dieser furchtbaren Droge. Doch jetzt und hier, ausgerechnet gegen Tanía? Gegen ihre beste Freundin, der zu allem Überfluss die Mordlust in den Augen stand? Samara konnte erkennen, dass diese tatsächlich nicht wusste, wer ihr gegenüber stand. Sie erkannte sie nicht - und Samara blickte in beinahe leere Augen. Tanía sah aus, wie ein tollwütiger Jak. Und so benahm sie sich auch. Noch bevor sie etwas sagen konnte, und bevor Granar den Befehl gegeben hätte, stürzte sich Tanía auf sie. Samara gelang es gerade noch, zurück zu weichen. Sie war schneller als Tanía; und das rettete ihr - zumindest kurzfristig - das Leben. Doch es war noch nicht vorbei. Noch lange nicht. Tanía war anzumerken, dass sie Blut sehen wollte. Oder etwas ihr den Geist verwirrte. Wieder griff sie an. Und Samara blieb nichts anderes übrig, als zu fliehen, soweit sie es in dem kleinen Kampfplatz konnte. Denn raus kam sie nicht, die Kampffläche war umzingelt. Mit bewaffneten Männern, die nicht zögern würden, sie zu erschießen. Samara blieb keine andere Wahl. Und auch, wenn sie ahnte, und sogar wusste, dass es nichts bringen würde, so versuchte sie dennoch, ab und an nach Tanía zu rufen. Doch ihre Rufe verhallten ungehört im Winde...
Währenddessen hatten Tsu´tey, Jake und die anderen eine Spur gefunden, die sie weiter verfolgt hatten. Tsu´tey hatte kein einziges Wort mehr gesprochen, seit sie die Wahrheit von ihrem Gefangenen gehört, und er diesen verstümmelt, und zum Sterben zurück gelassen hatte.
Verbissen war er der Spur gefolgt, von der er selber nicht wusste, ob es sie zum richtigen Ziel bringen würde. Doch es war die einzige Chance, die sie hatten. Und so folgten ihm die anderen, auch Jake.
Dieser hing seinen eigenen Gedanken nach, die ebenfalls düster und dunkel waren. Niemand sprach mit ihm, und er wusste natürlich, dass dies nicht nur an der derzeitigen Situation mit Tsu´teys Tochter lag. Normalerweise hätten die beiden sich leise ausgetauscht. Hätten sich mit Handzeichen verständigt. Doch es war keine Verständigung mehr zwischen ihnen möglich. Tsu´tey hasste ihn als Verräter. Bei den anderen war es nicht anders. Er war lediglich wegen seiner guten Spurenleser Kenntnisse und seiner Kampfkunst noch bei ihnen. Dennoch war jetzt auch keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie mussten sich konzentrieren. So lange ihm noch die Zeit blieb, etwas für seine Sippe zu tun, solange würde er ihnen auch noch beistehen.
Dann kamen auch sie an den Wald, durch den zuvor Samara auf dem Mala-tchi getragen worden war. Natürlich wussten sie dies nicht. Doch Jake war der erste, der die Spuren der Wildkatze entdeckte. Was hatte das zu bedeuten? Sie alle spannten ihre Muskeln an und holten geräuschlos ihre Waffen heraus. Anscheinend gab es hier auch noch andere Feinde, als diesen fremden Stamm. Oder war das Wildtier von den Feinden gerufen worden? Doch das machte auch irgendwie keinen Sinn...
Aufs höchste alarmiert, krochen sie so geräuschlos wie nur möglich den Spuren nach. Jake wusste nicht, was es war, aber irgend etwas kam ihm vertraut vor. Sein Herz begann zu drücken, und er wusste nicht einmal genau, weshalb. Doch er zwang sich, zur Ruhe. Irgendwann würden sie schon merken, wohin die Spur sie führte, und ob es einen Sinn gehabt hatte, ihr zu folgen.
Und dann war es so weit. Auch sie kamen zum Ende des Waldes - auf die Lichtung zu. Es wurde hell um sie herum - und was sie sahen, verschlug ihnen erst einmal die Sprache. Besonders Jake konnte nicht glauben, was er sah. Und Tsu´tey erging es nicht anders. Vor ihnen erkannten sie einen Kampfplatz. Doch das war es nicht, was sie erstarren ließ: In der Arena erblickten sie zwei Mädchen, die einander bekämpften. Und sowohl Tsu´tey, als auch Jake erkannten beide schlagartig. Tsu´tey sog die Luft durch seine Nasenlöcher. Jake war erstarrt. Er wusste, dass es real war, was er da sah, doch er konnte es nicht fassen. Dann hörte er Tsu´teys Stimme neben sich. Leise und gefährlich: "Was macht deine Tochter hier, Mensch?" Der Ton, mit dem er "Mensch" gesagt hatte, sagte alles.
Jake starrte fassungslos auf das Geschehen vor ihm. Sein Gesicht war aschfahl geworden, früher hätte man es "blass" genannt. Er hatte keine Ahnung! Eigentlich müsste Samara bei Neytiri sein! War Neytiri etwa auch hier? Hatten sie das Dort erneut überfallen und sowohl seine Frau als auch seine Tochter verschleppt?
Aber selbst, wenn dies der Fall sein sollte, erklärte das nicht, weshalb Samara in der Lage war, zu kämpfen. Sie war schwer verletzt gewesen, als er und die Männer gegangen waren! Und er hatte sie gerade erst aus dem Reich der Toten zurück geholt! Zudem wurde ihm klar, dass sie dabei war, gegen Tsu´teys Tochter zu kämpfen. Gegen Tanía, ihre beste Freundin! Und so wie es ausssah, war es ein Kampf auf Leben und Tod!
Er hörte seinen ehemaligen Freund erneut: "Was ist das hier; Menschensohn?" Jake blickte ihn mit Tränen in den Augen an: "Ich habe genauso wenig Ahnung wie du, Tsu´tey! Wir müssen etwas tun! Eventuell sind sie von dieser Droge heimgesucht?" Die beiden sahen noch genauer hin. Zumindest bei Tanía sah es aus, als ob Jake Recht hatte. Sie schien immer wieder auf Samara loszugehen, in scheinbar blinder Wut und in Rage. Doch Samara machte auf Jake nicht den Eindruck, als ob sie auf ihre Angriffe reagieren WOLLTE. Langsam merkte Jake, dass Samara tatsächlich vor Tanías Angriffen zu fliehen versuchte. Von der Kampfarena kam sie nicht weg, die war umstellt. Mit Männern des gegnerischen Stammes, die mit Bögen auf sie zielten. Vermutlich bereit, auf sie zu schießen, wenn sie den Kampfplatz verlassen würden. Jake fühlte heiße Wut in sich aufsteigen. Langsam begriff er, dass anscheinend nur Tanía von dieser Wahnsinns-Droge beeinflusst war, seine Samara anscheinend nicht. Sie versuchte verzweifelt, sich zur Wehr zu setzen, und doch alles dafür zu tun, um Tanía nicht zu verletzen. Jake konnte nicht mehr. Er musste etwas tun!
Auch Tsu´tey begriff langsam, was dort unten vor sich ging. Er konnte nicht verstehen, was Samara hier zu suchen hatte. Hatte wieder jemand gegen den Willen Eywas eingegriffen? Doch dann konnte es ja nur Neytiri gewesen sein - Jake war die ganze Zeit bei ihnen gewesen, und Samara war, trotz Jakes Vergehen, immer noch halb tot gewesen, als sie fort gegangen waren. Doch darum würde er sich später kümmern. Jetzt musste er sich etwas einfallen lassen.
Dass die beiden sich hier und jetzt bis auf den Tod bekämpften, musste unterbunden werden! Und auch er spürte, dass seine Tochter in Gefahr war, sich ganz zu verlieren. Tsu´tey wusste zwar, dass sie durchaus in der Lage war, kämpferisch gegen Samara zu gewinnen, doch das hier war kein normaler Kampf! Schon früher hatten die beiden spielerisch und um ihre Kräfte zu stärken, gegeneinander in Schaukämpfen gestanden; und meistens hatte tatsächlich Tanía gewonnen; obwohl Samara auch nicht schlecht gewesen war, und besonders in der Verteidigung ihre Vorzüge hatte. Aber deswegen hieß es nicht, dass Samara schwach war. Dennoch war war dies hier etwas anderes. Seine Tochter war nicht bei Sinnen! Und natürlich war auch ihm klar, dass sie Samara töten würde. Und das konnte er nicht zulassen - auch, wenn Jake nicht mehr zu seinem Stamm gehörte, und er nicht begreifen konnte, wie Samara es überhaupt hierher schaffen konnte. Trotzdem musste er sie aufhalten. Doch noch wusste er nicht, was sie tun sollten. Sollten sie jetzt und hier sofort in den Kampf eingreifen? Doch auch er hatte die Wächter gesehen, die um den Todesring herum standen. Sie warteten nur darauf, zu schießen. Vermutlich mit diesen Giftpfeilen...
Granar hatte erneut etwas im Gespür. Bis jetzt hatte er dem "Kampf", der irgendwie noch keiner war, da das eine Mädchen vor der Konfrontation und Tanías Angriffen zurück schreckte, und sich lediglich verteidigte, einfach nur zugesehen. Noch war er ziemlich enttäuscht. Er konnte das Verlangen nach Blut in seiner Schülerin spüren; und er merkte auch, dass die andere durchaus Potential hatte. Aber sie war nicht "getränkt" worden, und sie schien dem Kampf aus dem Weg gehen zu wollen. Lange würde das so nicht weiter gehen, dass wusste er. Tanía würde stärker werden; auch, wegen der Sehnsucht nach der Droge. Und dann gäbe es keine Hoffnung mehr für die andere. Doch Granar hatte sich schon ein wenig mehr von ihr und dem Kampf an sich erhofft...
Dann spürte er eine neue Präsenz. Eine noch stärkere, und er wusste, wer ihn "beehrte". Er gab seinen Männern Zeichen; und einige von denen, die noch um den Kampfplatz herum standen, kamen zu ihm. Zusammen mit noch anderen, die sich neu dazu stellten. Sie blickten zu dem Waldrand hoch - und erblickten Tsu´tey, Jake und ihr Gefolge.
Granar lachte. Hatten sie es also doch zu ihnen geschafft. Sie waren nicht viele, und ihnen zahlenmäßig weit unterlegen. Dennoch wusste er, dass man sie nicht unterschätzen sollte. Zudem wusste er, weshalb sie hier waren...
"Ihr seid pünktlich gekommen - genießt die "Ehrenplätze"..." fing er an, doch Jake unterbrach ihn: "Du..Lass unsere Mädchen gehen, sonst..." "Sonst was? Du drohst mir? Na, wenn du meinst, du kannst es jetzt noch ändern... Das Schicksal webt, so wie es sein soll... Die beiden werden jetzt nicht mehr aufhören! Die eine Kleine vielleicht, aber die andere ist voll von Harnivar! Und sie wird nicht aufhören, bis sie in Blut gebadet ist - welches Blut, ist ihr egal! Wollt ihr, dsas sie noch mehr Blut vergießt, als das, ihrer Freundin? Dann greift ein. Dann werdet ihr sehen, was geschieht..."
Jake wollte hervor stürmen, doch Tsu´tey riss ihn zurück. Dann ging er selbst langsam auf den Anführer zu, ohne den Kampfplatz aus den Augen zu lassen: "Ich schlage etwas vor: Ich stelle mich dir; du "Großer Anführer" - wir kämpfen - wie zwei Männer; ohne die Hilfe dieses widerlichen Gesöffs! Was ist ein Sieg wert, wenn er nur mit Hilfe einer Droge gewonnen wird?" Tsu´tey spuckte aus: "Gar nichts! Deswegen fordere ich dich zum Kampf heraus - und du sorgst dafür, dass die Mädchen aus dem Spiel genommen werden! Ich will den Kampf beendet sehen!..."
Er kam nicht weiter. Granars Anhänger hatten ihn und die anderen umstellt. Zuerst schwieg Granar, dann lachte er. "Du willst einen Kampf? Noch dazu einen "ehrenwerten"? Nun gut - aber du bist hier in MEINEM Reich - also läuft es zu meinen Bedingungen!
Erstens: Du wirst nicht gegen mich kämpfen, sondern gegen meinen Stellvertreter. Glaube mir, er ist nicht schlechter als ich!
Zweitens: Die Mädchen werden weiter kämpfen. Ich will sehen, wie gut sie sind. Beide! Auch die andere Kleine scheint nicht schlecht zu sein.." fügte er mit einem Seitenblick auf Jake hinzu. Dieser war stocksteif - und sein Blick verriet alles. Er wollte zur Kampfarena, in der immer noch Tanía auf Samara los ging - und diese weiterhin verzweifelt versuchte, den Kampf zu umgehen. Viel Möglichkeiten hatte sie nicht mehr; irgendwann würde sie ebenfalls kämpfen müssen. Oder sterben. Jake wurde schlecht.
Doch er war von den Feinden umzingelt und kam nirgendwohin.
Granar sprach ungerührt weiter: "Der Kampf wird parallel geführt - wenn du siegen solltest, was ich nicht glaube - werde ich dafür sorgen, dass die beiden Mädchen aufhören. Wenn nicht, dann gibt es ohnehin keine Chance mehr - für niemanden von euch!"
Seine Worte waren eindeutig. Dass wussten auch Tsu´tey und Jake. Doch bevor Jake etwas sagen konnte, nickte Tsu´tey. Früher hätte er noch einmal Rücksprache mit ihm gehalten, doch jetzt entschied er es alleine. Und Jake wusste, dass es keinen Sinn haben würde, ihn von seinem Vorhaben abbringen zu wollen. Er würde sich auf einen Kampf einlassen, um ihre beiden Töchter zu retten.
Doch hatte er eine Chance? Oder würden sie mit ansehen müssen, wie sowohl seine Tochter als auch Tsu´tey und dessen Tochter, alle miteinander untergingen? Und sie ebenfalls? Er wusste es nicht, aber es blieb ihm nichts anderes übrig. Granar hatte einem Mann ein Zeichen gegeben, und dieser trat aus dem Gefolge aus. Er nahm seine Waffen, und gab Tsu´tey damit zu verstehen, dass er bereit war. Auch Tsu´tey zögerte nicht mehr lange. Der Kampf der beiden begann, während in der Arena Samara sich immer noch verzweifelt gegen Tanía zur Wehr setzte. Aber diese wurde immer stärker, in ihrem immer größer werdenden Wahn. Es würde nicht mehr lange dauern; und Jake und die anderen wurden von ihren Feinden im Zaum gehalten. Da diese zahlenmäßig überlegen waren, und sie mittlerweile auch entwaffnet hatten. Sie hatten alle keine andere Wahl, als Zuschauer zu sein, in einem elenden Albtraum...

