9. Kapitel - Glaubensfragen

Samara fühlte sich schwach. Sie hatte keine Ahnung mehr, was in der letzten Zeit - wie lange auch immer - geschehen war. Ihr Kopf tat furchtbar weh und ihr war schlecht. Zudem hustete sie und ihr Hals brannte wie Feuer. Obwohl ihr ein Großteil der Erinnerung völlig fehlte, bemerkte sie, dass etwas um sie herum ganz und gar nicht stimmte. Sie lag auf dem Boden und ihre Mutter kniete bei ihr - doch wo war ihr Vater? Normalerweise war er doch der erste, der bei ihr war und versuchte, ihr Trost zu spenden, wenn es ihr nicht gut ging. Doch nun war er nicht mal in ihrer Nähe. Und Samara konnte eine gewisse Spannung erkennen, die unverkennbar in der Luft lag. Was war hier los?

Trotz ihrer Kopfschmerzen versuchte sie, sich in die Richtung ihres Vaters zu drehen, den sie bei Tsu´tey und den anderen stehen sah. Sie konnte erkennen, dass die Männer zwar zusammen standen, aber etwas an der Situation verwirrte sie. Die Krieger machten den Eindruck, als würden sie Jake nicht mehr als einen der ihren akzeptieren.. Sie machten einen sehr ablehnenden Eindruck auf Samara, und dass konnte sie sich beim besten Willen nicht erklären. Was war hier los? Sie wollte aufstehen und nach Jake rufen, doch als sie es versuchte, wurde ihr schwindelig und alles drehte sich - der ganze Himmel schien über sie einzustürzen…
Neytiri hielt sie auf dem Boden und legte eine Hand auf ihre Stirn. Sie hatte in der Zwischenzeit Heilblätter und -kraut gesammelt und legte es ihr auf die Stirn und Gesicht. Es war gut tuend und Samara fühlte eine gewisse Ruhe durch sich strömen; eigentlich war sie so ruhig und durch die Heilkräuter berauscht, dass sie das Bedürfnis hatte zu schlafen, aber etwas hielt sie noch davon ab. Das Gefühl, was sie nicht los ließ, dass etwas einfach nicht in Ordnung war!

Sie blickte erneut zu ihrem Vater und versuchte, trotz ihrer Schmerzen, etwas von dem Gespräch mitzubekommen, das dort besprochen wurde. Sie konnte nur Fetzen davon hören, doch was sie mitbekam, war so grauenvoll, dass sie es kaum fassen konnte. Etwas musste geschehen sein, während sie anscheinend verletzt war. Sie konnte sich immer noch nicht daran erinnern, was genau passiert war. Doch die Gedanken schob sie beiseite. Ein Feind hatte sie angegriffen und das Dorf zerstört? Samara blickte ihre Mutter an. Sie konnte Trauer und ein gewisses Maß an Wut in ihnen lesen, die sie sich zwar auf der einen Seite erklären konnte, auf der anderen aber auch nicht. Die Wut bezog sich nicht nur auf die Feinde, denen sie anscheinend ausgeliefert gewesen waren; da war noch mehr - und die Art, wie sie ihren Vater ansah…

Samara machte sich die größten Sorgen. Doch sie kam nicht dazu, weder ihre Mutter, noch ihren Vater zu befragen, denn plötzlich trat Jake doch noch zu ihr und nahm sie auf den Arm. Er und die anderen Krieger waren dahingehend übereingekommen, dass sie Samara in Jakes Haus zurück bringen wollten - es war eines der wenigen Häuser, die nicht zerstört worden waren - und sich dann erneut auf Spurensuche begeben würden; dieses Mal mussten die Fremden irgend etwas zurück gelassen haben, was sie irgendwie dazu nutzen konnten, sie zu finden.

Weder Jake und Neytiri sagten etwas, während Jake seine Tochter zurück in ihre Wohnstätte trug. Doch Samara wusste einfach, dass etwas nicht in Ordnung war. Dennoch traute sie sich nicht, zu fragen. Vielleicht würde sich alles noch aufklären? Zudem fühlte sie sich einfach noch zu schwach, um zu reden.
Samara hatte die Augen geschlossen, doch sie war noch wach, als Jake sie schließlich sanft auf eine Liegefläche in ihrem Haus absetzte. Er küsste sie erneut auf die Stirn und strich ihr sanft mit der Hand auf die Wange. "Ich liebe dich, Samara...." sagte er leise, dann spürte sie, wie er zurück trat und auch Neytiri sich von ihrem Ort, an dem sie lag, entfernte.

Samara tat weiterhin so, als würde sie schlafen und nichts von dem, was um sie herum geschah, mitbekommen; doch in Wirklichkeit versuchte sie, wenigstens etwas von dem zu verstehen, was wohl passiert war, als sie nicht bei Bewusstsein gewesen war. Etwas Schreckliches musste geschehen sein, und sie wollte endlich wissen, was es war, und vor allem, warum ihre Eltern sich so merkwürdig benahmen. Ihr Kopf zerplatzte beinahe, sie hatte immer noch furchtbare Schmerzen, auch ihr Hals brannte, und sie bemerkte jetzt erst, dass sie ihren Arm nicht mehr bewegen konnte, doch das alles ignorierte sie und konzentrierte sich auf das Gespräch zwischen ihren Eltern und Tsu´tey. Doch was sie hörte, war beinahe zuviel für sie: Die Krieger sprachen zwar leise, dennoch konnte sie genug verstehen, um zu begreifen, dass der Angriff furchtbar gewesen sein musste - es gab wohl unfassbar viele Opfer - und die älteren Kinder waren entführt worden?? Samara musste sich beherrschen, nicht los zu schreien, als sie begriff, dass auch Tanía bei diesen Opfern war. Dennoch lag sie weiterhin einfach nur da und hörte weiterhin zu, was die Erwachsenen besprachen...

Als Jake seine Tochter auf die Liege gebettet hatte, war er zu Tsu´tey und den anderen zurück gekehrt und auch Neytiri hatte sich zu ihnen gestellt. Sie fühlte, dass ihre Tochter aus der größten Gefahr heraus war. Sie war wieder bei Bewusstsein; die Verbindung zwischen ihnen war wieder hergestellt. Natürlich war sie immer noch schwer verletzt, aber dies würde sich mit der richtigen Pflege, die sie ihr würde zuteil werden lassen, und mit Gebeten an Eywa sicherlich bald ändern. Ja, sie musste so bald wie möglich zu Eywa, auch - oder vor allem - um sich wegen des ungebührlichen Verhaltens ihres Mannes zu entschuldigen. Neytiri fühlte Wut in sich, wenn sie nur daran dachte. Er war also doch noch ein Mensch! Nach so vielen Jahren! Und er hatte den größten Frevel ihres Landes begangen, den es nur geben konnte: Nicht um die Seele ihrer Tochter zu bitten, und darauf zu vertrauen, dass Eywa ihr Schicksal in die Hand nimmt und darüber entscheidet, sondern er hatte sich über die Gottheit gestellt! So ging es nicht! Und Neytiri wusste derzeit einfach nicht, wie sie damit umgehen sollte. Auch, wenn sie natürlich froh darüber war, dass Samara überlebt hatte; trotzdem lag es nicht an Jake, darüber zu entscheiden. Nicht er war hier der Gott!!

Zusätzlich zu ihren Schmerzen, fühlte Samara die Wut, die ihre Mutter gerade spürte, und sie wusste instinktiv, dass es nicht an dem Überfall auf ihr Dorf lag. Es war etwas anderes, das sie einfach noch nicht begriffen hatte! Und dann hörte sie etwas, was ihr den Atem stocken ließ: Die Männer besprachen ihre weitere Vorgehensweise und Tsu´tey sagte: "Wir werden hier alles umgraben, bis wir Spuren entdecken, die zu diesen Bastarden führen! Ich will meine Tochter wieder haben - und den Mord an meiner Frau rächen!" Dann wandte er sich an Jake und fuhr ihn an: "DU, Jake-Sully wirst unter meinem persönlichen Befehl stehen. Du bist nicht mehr als ein kleiner Krieger, der ohne meine Befehle nichts mehr tun wird; jedenfalls nicht, bevor ein Gericht entscheiden wird, was mit dir geschieht. Wir brauchen deine Hilfe, das ist der einzige Grund, weshalb du überhaupt dabei bist, weil wir alle wissen, was für Kampfkünste du hast - aber glaube nicht, dass du deiner gerechten Strafe entkommen wirst! Ungläubiger!”

Samara musste einen Schrei unterdrücken. Sie tat immer noch so, als würde sie ruhen, doch das, was sie nun gehört hatte, war so unvorstellbar... Was hatte ihr Vater verbrochen? Was hatte er getan, das so unvorstellbar grauenhaft gewesen war, dass sie ihn vor das Gericht stellen mussten, das, wie Samara wusste, durchaus auch den Tod bedeuten konnte? Dann hörte sie ihren Vater antworten: “Ich werde mich der Strafe beugen; egal, welche mir auferlegt wird - aber ich bereue nicht, was ich getan habe! Ich habe meine Tochter gerettet; mit allen Mitteln, die mir möglich waren! Es musste sein!”
Nun mischte sich Neytiri doch ein, die bis dahin still dabei gestanden und ihren Gedanken nachgehangen hatte. Auch sie fuhr Jake an: “DU hast dich Eywa entgegen gestellt! Ihr nicht einmal eine Chance gegeben, ihre Entscheidung zu treffen! Du hast dich über unsere Gottheit gestellt, DAS war dein Verbrechen, Jake-Sully!”

Jake sah sie nur an, in seinen Augen stand Trauer. Trauer darüber, dass noch nicht einmal seine Ehefrau, die bis jetzt - abgesehen natürlich von Samara - das Wichtigste in seinem Leben war, ihn verstehen konnte. Dann antwortete er: “Es wäre keine Zeit mehr gewesen, sie dorthin zu bringen, dass weißt du! Ich hatte keine andere Wahl! Ja, ich habe meine Methoden angewandt - menschliche, um genau zu sein - aber es hat sie gerettet!
Sie ist wach! Und wird es vermutlich überleben; bist du nicht auch froh darüber?”

Samara hatte die Augen geöffnet und starrte zu ihren Eltern herüber. Niemand nahm im Moment Notiz von ihr, da sie alle zu Jake und Neytiri herüber schauten, die sich gegenseitig anstarrten. Zuerst war Schweigen, dann antwortete Neytiri: “Natürlich bin ich froh darüber; mehr als das! Ich liebe meine Tochter, das weißt du! Trotzdem ändert es nichts an dem, was du verbrochen hast. Versuche, deine Missetat nicht dadurch herunter zu spielen, dass du Erfolg gehabt hast, Jake! Niemand weiß, was geschehen wäre, wenn Eywa die Kontrolle übernommen hätte - nicht du! Wenn sie es gewesen wäre, die darüber bestimmt hätte! Doch du hast dich über sie gestellt und ihr diese Entscheidung abgenommen. Dafür gibt es keine Entschuldigung!...”

Samara hielt es nicht mehr aus. Sie hatte genug gehört. DAS war es also; deswegen wurde ihr Vater von allen beinahe geächtet; sogar von ihrer Mutter?! Er hatte wohl irgendwelche Mittel angewendet, die aus seinem früheren Leben als Mensch stammten, und die dazu geführt hatten, sie wiederzubeleben. Doch er hatte wohl nicht an Eywa gedacht, oder daran, am Lebensbaum für sie um ihr Seelenheil zu beten. Natürlich war das nicht ganz den Regeln entsprechend, aber dafür konnten sie ihn doch nicht so bestrafen! Er hatte es doch nur gut gemeint! Doch auch sie wusste, dass es für die Omaticaya keinen schlimmeren Frevel gab, als die Gottheit zu entehren - und doch...
Auch, wenn es ihr unglaublich schwer fiel, in ihrem derzeitigen Zustand etwas zu sagen, oder sich nur zu rühren, wusste sie, dass die Zeit des Stillhaltens jetzt vorbei war. Sie musste etwas dazu sagen!
Langsam versuchte sie sich aufzurichten - was gänzlich misslang, und ächzend flüsterte sie, kaum verständlich, weil ihr Hals noch verräuchert und heiser war: “Mutter, Vater... bitte...”

Jake und Neytiri drehten sich gehetzt um. Sie hatten in der Tat nicht bemerkt, dass ihre Tochter sie anscheinend belauscht hatte. Jake kam zu ihr und kniete sich zu ihr hin: “Samara... Ich dachte, du schläfst... Das solltest du auch weiterhin tun, du brauchst Ruhe.”
Samara schüttelte den Kopf. Jetzt war SIE dran, etwas zu sagen, auch, wenn es einen großen Kraftaufwand bedeutete. “Hört mir zu, bitte... Mutter, Vater, Tsu´tey... Bitt...” sie hustete, doch sie ließ sich von niemandem davon abhalten, weiter zu sprechen: “Ich, ich habe alles gehört, was ihr besprochen habt...” Sie sah ihre Eltern an, und Jake wurde blass. Sie hatte alles gehört; doch nicht auch... Doch bevor er fragen konnte, fuhr sie auch schon fort; heiser, dennoch konnte man alles hören, was sie zu sagen hatte. Dieses Mal wendete sie sich an Neytiri und sah ihr direkt ins Gesicht: “Mutter, du kannst Vater doch keinen Vorwurf daraus machen, dass er mich gerettet hat! Er ist nur seinem Instinkt gefolgt, und auch, wenn es nicht unsere Mittel, oder die Mittel aus dieser Welt waren, so hat Eywa sie doch zugelassen, oder?” Sie wandte sich direkt an Tsu´tey von dem sie wusste, dass er in einem Gerichtsverfahren einer der obersten Richter sein würde: “Tsu´tey; glaubst du denn nicht, dass Eywa etwas dagegen getan hätte, wenn sie gegen Vaters Methode gewesen wäre? Würde ich dann jetzt leben? Vielleicht ist es Zeit, auch andere Mittel und Wege nach Pandora zu lassen - es ist nicht alles schlecht, nur weil es menschlich ist - und Eywa weiß das vielleicht....”

Sie kam nicht weiter. Einmal, weil sie von einem Hustenkrampf geschüttelt wurde, zudem wurde ihre Stimme rauer und leiser - doch zudem wurde sie von Tsu´tey unterbrochen: “Wie ich es schon sagte; das Gericht wird darüber entscheiden... Ich denke, du solltest dich da heraus halten, Kind!” Dann wandte er sich an Jake: “Wir sollten jetzt gehen. Ich will meine Tochter zurück haben. Neytiri bleibt hier. Jemand muss sich um die Kranken kümmern. Das werden die Frauen tun. Dieser Stamm ist etwas für die Krieger!” Sein Ton duldete keine Widerrede. Neytiri wusste dies und so zogen die Männer schließlich ab. Jake sah noch einmal zu Neytiri hin, doch sie blickte weg. Samara schluckte. Ihre Worte waren nicht bis zu Neytiris Herzen hindurch gedrungen. Zu tief war ihr Glaube in ihr verwurzelt, ihr Hass auf alles menschliche. Dennoch nahm sie sich vor, in einer späteren Stunde noch einmal mit ihrer Mutter zu reden. Sie musste es einfach schaffen, zu ihr vorzudringen. Ihr Vater durfte nicht bestraft werden, denn Bestrafung bedeutete entweder Verdammung, oder den Tod. Und beides wäre für sie nicht zu ertragen... Mit verquollenen, verweinten Augen sah sie Jake hinterher, der sich bereits umgedreht hatte und aus dem Haus gehen wollte, und sagte leise: “Vater”...

Jake drehte sich noch einmal um und sah zu seiner Tochter zurück. Er sah ihr blasses Gesicht, ihre roten Augen, aus denen nun Tränen strömten. Er konnte nicht anders, sondern lief zu ihr zurück und kniete sich vor sie um sie so sanft wie er nur konnte zu umarmen. “Verlass mich nicht, bitte! Ich liebe dich...” flüsterte Samara so leise, dass es kaum zu verstehen war, doch er hatte es gehört. Nun hatte er ebenfalls Tränen in den Augen und strich ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste sie sanft auf die Wange und auf die Stirn. Dann sagte er, ebenfalls leise: “Ich liebe dich auch, mehr als alles andere auf dieser Welt, mein kleiner Stern...” “Bitte komm wieder! Verlass mich nicht”... flüsterte Samara erneut und Jake schluckte nur und schüttelte den Kopf: “Niemals”... sagte er nur, dann hörte er ein erneutes Räuspern von Tsu´tey. Jake kam der Aufforderung nach, obwohl es ihm beinahe das Herz zerriss. Er drückte noch einmal Samaras Hand, gab ihr einen Handkuss, und dann ging er, zusammen mit den anderen Kriegern hinaus, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Samara sah ihm hinterher und konnte nicht fassen, dass es vielleicht das letzte Mal war, dass sie ihren Vater lebend wieder sehen würde. Auch das andere Unfassbare, was sie gehört hatte, belastete sie unglaublich; der Überfall auf ihr Dorf, die Entführung ihrer besten Freundin; deren Mutter war getötet worden! All das kam jetzt erst richtig in ihrem Kopf an - und natürlich das Schlimmste: Die Zwietracht zwischen ihren Eltern, die nur ihretwegen entstanden war, und sie blickte erneut ihrer Mutter ins Gesicht. Sie konnte immer noch Unverständnis daraus erkennen. Und Samara nahm sich vor, noch einmal mit ihr darüber zu reden. Neytiri konnte doch ihren Vater nicht so hassen! Nicht ihretwegen! Doch jetzt fühlte sie sich zu schwach dafür. Jetzt und hier merkte sie, wie die Schwäche sie erneut überkam, und sie nahm sich zwar vor, sich vor ihrer Mutter nicht so gehen zu lassen, weil sie wusste, dass diese Schwäche nicht wirklich nachvollziehen konnte, dennoch kam es einfach aus ihr heraus, sie begann, zu weinen...

Auch, wenn Samara es verzweifelt versuchte zu verbergen, merkte Neytiri natürlich, wie es in ihr aussah. Und sie konnte es tatsächlich nachvollziehen. Neytiri hatte ihrer Tochter nie gezeigt, dass sie diese wirklich liebte oder stolz auf sie war; vielleicht lag dies auch mit daran, dass sie von ihren Eltern ebenfalls so erzogen worden war. Gefühle waren ein Zeichen von Schwäche, und Schwäche konnte tödlich sein! Zudem war Jake dafür zuständig! Doch dieses Mal war es anders. Das fühlte sie. Jake war nicht hier und ihre Tochter brauchte sie; und auch, wenn sie sich nach außen nicht anmerken ließ, so hatten ihre Worte sie doch ein wenig berührt. Doch noch war nicht die Zeit, mit Samara darüber zu reden, zumal Neytiri merkte, dass sie selbst noch nicht bereit dazu war. Doch was sie nun tun musste war, ihre Tochter zu beruhigen, und ihr zu zeigen, dass sie für sie da war. Zumal Jake fehlte. Er war fort gegangen, und Neytiri hatte keine Ahnung, ob er jemals zurück kehren würde - und selbst wenn, wusste sie, was für ihn auf dem Spiel stand...

Neytiri musste schlucken, als sie daran dachte, doch sie schob die Gedanken nun zur Seite. Sie hatte durchaus immer noch gemischte Gefühle, und eines davon war, dass sie der Meinung war, er wäre selbst Schuld an seinem Schicksal. Und doch konnte sie sich des Gedankens nicht erwehren, dass das Leben ohne ihn kaum vorstellbar wäre...
Und so, ihren eigenen Gedanken nachhängend, nahm sie schließlich ihre Tochter ebenfalls in den Arm; so vorsichtig wie möglich, denn sie wusste ja um ihre Verletzungen. Sie hörte Samara stöhnen und legte ihre Hände um ihr Gesicht. Küsste sie ebenfalls auf ihre Stirn und die Wangen, die in kaltem Schweiß lagen, und sagte leise: “Es tut mir leid, mein Kind... Ich habe dir nie gesagt, wie viel du mir bedeutest, und wie sehr ich dich liebe.. Und beinahe habe ich die Chance verpasst, es dir jemals sagen zu dürfen... Wem auch immer ich diesen Augenblick zu verdanken habe, ich danke ihm - oder ihr... Ich liebe dich über alles, mein Kind!”

Samara sah ihre Mutter an. Auch, wenn ihre Augen schon ganz glasig waren, und die Müdigkeit sie langsam übermannte, so musste sie sich noch davon überzeugen, dass es Wirklichkeit war, und der Realität entsprach, was sie gerade gehört hatte. Hatte ihre Mutter ihr wirklich gesagt, dass sie sie liebte? Samara fühlte erneut ihre Hände auf ihren Wangen und ihre Küsse. Und es war nicht ihr Vater, der dies tat, sondern tatsächlich ihre Mutter! “Danke”... flüsterte sie, merklich erschöpft “ich liebe dich auch...” dann fiel ihr Kopf zur Seite. Sie war zu erschöpft, um die Erwiderung ihrer Mutter zu hören, die sich über sie gebeugt hatte, um ihre Atmung zu überprüfen.

Ja, Neytiri war ein wenig erschrocken gewesen, als Samara plötzlich wieder in sich zusammen gesunken war. Die meisten der Lazarettfrauen waren tot, und die wenigen, die noch lebten, mussten selbst versorgt werden. Doch Samaras Atmung war noch in Ordnung, sie war nur müde und musste schlafen. Neytiri legte ihr die Decke höher und fühlte ihre Kopfwunde. Sie musste den Verband erneuern. Auch, wenn sie nicht mehr blutete, musste trotzdem eine neue Salbe drauf geschmiert werden, dass wusste sie.
Nachdem sie dies getan hatte, setzte sie sich auf einen Stuhl, ihr gegenüber und betrachtete ihre Tochter einfach nur, während diese schlief. Ihr gingen diverse Gedanken durch den Kopf; unter ihnen das, was Samara zu ihnen gesagt hatte, und auch, wenn sie es eigentlich nicht wollte, so dachte sie schon ein wenig darüber nach, auch, wenn sie zuerst versuchte, es zu verdrängen. Dennoch kam es ihr immer wieder in den Sinn - solange, bis auch sie schließlich einschlief...

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Christal, 31
Traumland