5. Kapitel

So schnell sie nur konnten flogen sie zu dem Dorf. Bereits aus weiter Entfernung war die Bescherung zu erkennen: Jake sah brennende Türme, ganze Felder standen in Flammen und Häuser waren dem Erdboden gleichgemacht worden. Und dann sahen sie die Leichen. Jake wurde schlecht, als er die leblosen Körper sah, die überall herum lagen. Sie waren regelrecht abgeschlachtet worden.

Der Fremde, der es in ihr Dorf geschafft hatte, hatte Recht behalten: Es gab in der Tat keinen weiteren Überlebenden mehr. Er war der einzige. Entsetzt starrte Jake auf das Gemetzel und das zerstörte Dorf und selbst Tsu´tey, der schon einiges mehr in seinem Leben gesehen hatte als er, war schockiert. “Was ist das für ein Stamm? Was sind das für Bastarde, die so etwas tun?” fragte Jake, ohne seinen Blick von allem lösen zu können. “Ich weiß es nicht, Jake”; flüsterte Neytiri ebenso entgeistert und selbst Tsu´tey schüttelte nur stumm den Kopf.

Schließlich kniete er sich auf den Boden und begann damit, diesen abzusuchen. Es war kein Leben mehr zu finden, doch er hatte die Hoffnung, wenigstens einige Spuren aufzufinden, die verwertbar für sie waren. Jake und Neytiri folgten seinem Beispiel, die anderen Krieger ebenfalls. Es war reine Sisyphusarbeit. Jede kleinste Spur wurde in Augenschein genommen, alles inspiziert und wenn es sich nur als Nichtigkeit heraus stellte.

Jake fluchte. Es konnte doch nicht wahr sein, dass nichts aber auch gar nichts darauf schließen ließ, wer oder was ihre Feinde waren! Das konnte doch nicht sein! Alles, was sie bis jetzt über sie heraus gefunden hatten war, dass sie mit Giftpfeilen töteten. Sie hatten Samaras Ikran gefunden, der von Giftpfeilen durchlöchert war, und auch hier gab es Leichen, die eindeutige Spuren von Pfeilen aufwiesen. Jakes Körper durchzog es kalt, als er erneut an seine Tochter dachte. Er musste sich zusammen reißen. Jetzt war der falsche Zeitpunkt für Sentimentalitäten. Dennoch: Das hier war eine Kriegserklärung und der Angriff auf seine Tochter war der Beginn davon. Diese Bastarde wollten keinen Frieden und er wäre bereit dazu, den Krieg zu erwidern!

Doch vorerst mussten sie etwas über diesen Stamm heraus finden. Das war leichter gesagt als getan. Wenn sie ehrlich waren, hatten sie nur die Pfeile! Alles andere war von ihnen fein gesäubert worden und Jake fragte sich, weshalb sie den Ikran so liegen gelassen hatten, wie er war… Weshalb hatten sie ihn nicht verschwinden lassen; oder ihm den Pfeil entfernt? Oder hatten sie ihn schlicht nicht gesehen? Das konnte eigentlich nicht sein, bei seiner Größe.. Und doch waren einige Pfeile in ihm geblieben, die sie sich nun anschauen könnten, nachdem sie hier leider keinen Erfolg hatten.
Sie konnte nicht einmal Spuren entdecken, die von diesem, zerstörten Dorf irgendwohin führten. Wie war das möglich? Die Fremden konnte sich doch nicht in Luft aufgelöst haben; irgendwie mussten sie sich doch fortbewegt haben; und selbst, wenn sie mit Flugdrachen fort geflogen sein sollten, müsste es Spuren der Tiere hier geben! Während des Gemetzels zumindest.

Jake und die anderen waren erst einmal ratlos. Sie hatten mittlerweile das ganze Dorf umrundet, das in der Tat nicht wahnsinnig groß war, und standen nun wieder am Ausgangspunkt. “Und nun? Was schlägst du vor, was wir nun tun sollen?” fragte Jake seinen Freund. Tsu´tey blickte ihn an. Seine Augen blitzten vor Zorn und es war ihm anzusehen, was er dachte. “Ich weiß nicht, was das für ein Stamm ist, Jake - aber ich schwöre dir, ich mache ihn dem Erdboden gleich! Wir werden alles daran setzen, ihn zu zerstören! Leider scheinen sie gut darin zu sein, ihre Spuren zu verwischen; besser als wir. Was schon etwas heißen muss.. Wir werden zurück kehren und uns um den Ikran kümmern. Den Ikran und die Pfeile, die ihn getötet haben..” Anscheinend hatte Tsu´tey sich die gleichen Gedanken gemacht, wie Jake zuvor.

Jake nickte. “Ja, das scheint mir auch die beste Lösung zu sein. Gehen wir zurück und sehen ihn uns an. - Und noch etwas: Wir sollten unsere Nachbarn zu Hilfe rufen. Jeden Stamm den wir kennen! Unsere Freunde, alles. Wir wissen nicht einmal annähernd, was da genau auf uns zu kommt!” Tsu´tey nickte nur und auch die anderen waren einverstanden. Viel blieb ihnen ja nicht übrig. Seufzend sah Jake sich noch einmal um und irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden.. Doch so sehr er sich auch in der Gegend umsah, er konnte nichts und niemanden entdecken. Auch die anderen bemerkten nichts. Also tat er es als Hirngespinst ab; zudem es ihn so schnell es ging wieder zurück zu Samara zog. Er wusste, das hier war wichtig. Natürlich, und ihn umfasste eine unbeschreibliche Wut über die Zerstörung des Dorfes und den Mord an den ganzen Bewohnern; doch da hatte noch ein anderes Gefühl in ihm Einzug gehalten: Rachedurst ob des Angriffes auf seine Tochter; und noch war die Sorge um diese größer. Er wollte wissen wie es um sie stand und so zog es ihn zurück. Hier konnten sie ohnehin nichts mehr tun.

Und so flogen sie schließlich zurück ohne nennenswerte Erkenntnisse. Niemand von ihnen hatte bemerkt, dass sie tatsächlich - aus sicherer Entfernung - beobachtet worden waren; doch dieses Mal hatte man sie nicht angegriffen. Noch nicht…

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Christal, 31
Traumland