17. Kapitel - Kampf um die Freiheit / Teilsieg
Jake und die anderen Omaticaya Krieger waren umstellt, so dass sie sich kaum noch rühren konnten. Ihnen allen - insbesondere Jake - war die Anspannung anzumerken; besonders Jake hatte Schweißausbrüche am ganzen Körper. Er fühlte heiße Wut in sich, die er am liebsten jetzt und sofort an ihren Feinden ausgelassen hätte, doch diese hatten sie längst entwaffnet. Sie hatten keine andere Chance, als hilflos mit anzuschauen, wie sowohl Tsu´tey gegen den obersten Stellvertreter des gegnerischen Clans, als auch Samara gegen Tanía kämpfte. Kämpfen mussten!
Jake wusste nicht, was ihn mehr schockierte. Doch, im Grunde wusste er es schon: der Kampf der beiden Mädchen! Er wusste, dass sein ehemaliger Freund gut war; natürlich kannte er seine Kampfkunst, er und Tsu´tey waren gleichgestellt, gewesen... Aber er kannte selbstverständlich die des Gegners nicht. Schlecht konnte der oberste Stellvertreter der Tscha´lar auch nicht sein, wenn er von seinem Anführer erwählt worden war. Dennoch hoffte er inständig, dass Tsu´tey ihm zeigen würde, wer der Stärkere war. Jake glaubte an ihn.
Doch bei den Mädchen war es etwas ganz anderes. Bei Tsu´teys Kampf war klar, auf wessen Seite er stand, und dem Gegner gebührte kein Mitleid. Im Gegenteil, er wünschte ihm den Tod, und das so schnell wie nur irgend möglich.
Aber der Kampf zwischen seiner Samara und Tsu´teys Tanía war kaum zu ertragen, und seine Gefühle diesbezüglich kaum zu beschreiben. Es brach ihm das Herz und er hatte Angst. Panische Angst. Um beide. Die Vorstellung, dass seine Samara getötet wurde - und dann auch noch von Tsu´teys Tochter - das war unvorstellbar. Und andererseits würde er den Tod dessen Tochter auch nicht ertragen können. Zumal er wusste dass, wenn sie hier doch irgendwie alle lebend heraus kämen, Tsu´tey ihm dies auch niemals verzeihen würde. Weder ihm, noch Samara...
Jakes Verzweiflung wuchs, während er, und die anderen, den Kämpfen zusehen mussten und nichts weiter tun konnten, um einzugreifen.
Tsu´tey war mitten im Kampf. Er hatte es sich einfacher vorgestellt. Sein Gegner war gut. Dieser hatte Waffen ausgepackt - und die waren nicht ohne Wert. Auch Tsu´tey holte seine Nahkampfwaffe heraus, eine Art Machete, die er mit sich trug, zusätzlich zu dem Pfeil und Bogen und dem Messer, die er für die Jagd brauchte.
Doch für diesen Kampf war die Machete, ein großes, geschwungenes Schwert, am besten. Er drosch damit auf den Feind ein, aber dieser war schnell. Und auch er besaß etwas, was Tsu´tey nicht bedacht hatte: Eine Peitsche. Es knallte, und Tsu´tey spürte die Spitze der Waffe auf seinem Rücken. Er knickte ein und sank zu Boden.
Jake versteifte sich. Er wusste nicht, auf welchen Kampf er sich zuerst konzentrieren sollte; eigentlich wollte er zu Samara schauen, aber als er Tsu´tey nieder sinken sah, hielten er und auch seine ehemaligen Freunde, ihre Augen auf ihn. Sie alle waren entsetzt, ihr Anführer durfte den Kampf nicht verlieren! Es würde für sie alle zu Ende sein, wenn ihr Feind über ihn siegen würde!
Doch Tsu´tey dachte nicht daran, aufzugeben. Er rappelte sich schneller wieder auf, als der Feind gedacht hatte. Immerhin war der Schlag extrem hart gewesen. Doch die Omaticaya-Krieger hatten eine Art Schutzmechanismus in sich, wie sie Schmerz und andere Gefühle abschalten konnten. Was besonders während eines Kampfes lebensnotwenig war. Dies wandte Tsu´tey nun an. Er fühlte das Brennen auf seiner Haut zwar, aber es gelang ihm, die Schmerzen auf ein Minumum zu reduzieren, und auch auszublenden, dass er blutete.
Wieder nahm er sein Messer und lief in einem Winkel auf seinen Gegner zu, den dieser nicht vorhergesehen hatte - er traf ihn an seiner Seite. Doch die Wunde war nicht tief genug, und auch der Gegner hatte seine "Tricks", um die Schmerzen zu umgehen. Natürlich hatte auch er vor dem Kampf etwas von der "Wunderdroge" zu sich genommen. Er war nicht so zudröhnt wie Tanía, aber es war genug, um die Schmerzen auszuschalten. Und so umringten sich sowohl Tsu´tey als auch sein Gegner immer noch, und es sah nicht so aus, als wenn einer von ihnen wirklich im Vorteil wäre...
Währenddessen war auch der Kampf zwischen Tanía und Samara weiter gegangen. Samara hatte in den ersten Minuten weiterhin versucht, ihre Freundin auf Abstand zu halten. Doch es hatte keinen Sinn. Tanía wurde immer wütender. In ihr wallte die Droge. Sie kochte, ihre Haut war ebenfalls voller Schweiß, und sie sah ihre beste Freundin nicht vor sich, sondern erneut ein Ungeheuer, das es galt, zu vernichten. Alle hier waren Ungeheuer, und wenn sie eines vernichtet hatte, dann würde das nächste kommen. SIE war diejenige, die von Eywa auserwählt worden war, den Ungeheuern den Garaus zu machen.
Und das erste war direkt vor ihr. Tanía hatte genug. Sie wusste nicht, warum dieses hier so langsam und schwerfällig war; vielleicht wartete es auf den richtigen Moment? Doch diesen würde sie ihm nicht geben. SIE würde diesem Mistvieh zuvor kommen und es töten, bevor es sie töten konnte! Tanía schoss auf Samara zu, und bevor diese noch etwas tun konnte, fiel ihre, vom Wahnsinn befallene, Freundin auf sie zu, und riss sie zu Boden.
Samara hatte in der Tat die letzte Zeit - wie lange auch immer wusste sie gar nicht - versucht, Tanía einfach nur von sich fernzuhalten. Sie wollte doch verdammt noch mal nicht mit ihrer besten Freundin kämpfen! Sie wollte, dass alles so würde wie bisher!
Dass mittlerweile ihr Vater und die anderen den Weg zu ihnen gefunden hatten, und Tsu´tey auf der Nebenarena ebenfalls miteinander kämpften, hatte sie nicht mitbekommen. Sie war so darauf konzentriert, sich Tanía vom Hals zu halten, die immer wieder auf sie zukam, in eindeutiger Absicht.
Doch anstatt zu kämpfen, hatte Samara es zwischendurch damit versucht, sie anzusprechen. Irgendwie MUSSTE sie doch zu ihr durchdringen - Irgend einen Grund, sie hierher zu führen, musste es doch geben. Eywa hatte ihr den Weg gezeigt...
Doch es gab keine Möglichkeit. Tanía war immer noch völlig weggetreten. Dann geschah es: Sie schoss auf Samara los und diese war einmal unkonzentriert gewesen. Sie spürte Tanía, als diese sich auf sie warf und sich mit einer Kraft, die sie so noch nie an ihrer Freundin gekannt hatte, auf sie legte.
Dann spürte sie ihre Hände auf ihrem Hals. Tanía drückte zu. Entgeistert starrte Samara in das Gesicht ihrer Freundin. Aus den Augen sprach blanker Irrsinn. Genauso, wie sie es in ihrem, von Eywa gesandten, Traum, gesehen hatte.
Sie versuchte, mit ihren Händen, Tanías Hände von ihrem Hals zu lösen, aber es war unmöglich. Die Hände waren wie Krallen eines Barbocks, ein Wesen, das hart war wie Stein. Sie war nicht mehr zu bewegen. Samara röchelte bereits. Tränen liefen ihr die Wange herunter; sie spürte, dass sie nicht mehr lange Zeit hatte. War das der Wille Eywas gewesen? Wollte sie, dass sie starb? Und dann auch noch durch die Hand Tanías? Das konnte sie nicht glauben; zumal sie doch gerade erst dem Tode entronnen war...
Jake hatte bis jetzt, wie alle anderen auch, hingesehen, ohne eingreifen zu können. Es war ein grausames "Spiel", das die Feinde hier mit ihnen trieben. Doch sie hatten keine andere Wahl, als hilflose Zuschauer dieses grausamen Szenarios zu sein.
Zuerst konnten sie alle es nicht fassen, dass Tsu´tey es anscheinend sehr schwer gegen seinen Feind hatte. Sie alle hätten eher gedacht, dass er kurzen Prozess mit diesem machen würde.
Doch so einfach schien es nicht zu sein. Immerhin hatte es Tsu´tey wieder geschafft, sich aufzuraffen, nachdem er tatsächlich vom Feind verletzt worden war, und nun weiter zu kämpfen. Und auch er hatte ihn mit seiner Waffe verletzt. Es bestand wieder Hoffnung...
Dann blickte Jake zum Kampfplatz der beiden Mädchen herüber - und ihm gefror das Blut in den Adern. Bisher hatte er, aus den Augenwinkeln, registriert, dass Samara Tanías Angriffen stetig versucht hatte, auszuweichen. Jake war es zwar klar gewesen, dass es auch einmal zu einem richtigen "Kampf" kommen würde; aber irgendwie hatte er bis jetzt immer noch die Hoffnung gehabt, dass entweder Tsu´tey diese Farce hier schnellstmöglich mit seinem Sieg beenden würde, oder aber Tanía doch noch irgendwann zur Vernunft kommen würde. Droge hin oder her...
Doch was er jetzt sah, ließ ihn beinahe an seinem Verstand zweifeln: Tanía hatte es geschafft, seine Samara zu überwältigen! Während Tsu´tey noch kämpfte, lag Tanía auf Samara, und ihre Hände umschlossen ihren Hals... Jake wusste, was sie da gerade im Begriff war zu tun, und auch ihm war bewusst, dass ihre Sinne ausgeschaltet waren. "Dank" der Droge in ihrem Blut.
Jake schrie, und wollte voranstürmen, in den Ring, zu den Mädchen - doch im selben Augenblick spürte er die Spitze eines Speers an seinem Hals. Der Tscha´lar, der sie ihm beinahe hinein stieß, flüsterte, leise, aber bedrohlich: "du willst doch nicht der erste sein, der stirbt? Das ändert auch nichts an den Tatsachen, Omaticaya! Nur, dass du es nicht mehr mitbekommst, wenn deine guten Freunde und deine Tochter sterben..." Er lachte, und spie vor Jake aus. Dieser blickte ihn voller Hass an: "Du verdammter Bastard.. Ich schwöre dir, ich werde..."
In diesem Augenblick kam Granar zu ihnen. Er hatte sich das Theater auf dem Platz ebenfalls angeschaut, doch jetzt zog Jake seine Aufmerksamkeit auf ihn. "Was wirst du, mein "Freund"?" seine Stimme klang voller Hohn. "Nur zu; wenn du meinst, du hast hier auch nur den Hauch einer Chance, ohne Waffen, ohne alles... Und im Grunde auch ohne eine Familie, nicht wahr?" Er blickte die anderen an, die still neben Jake standen, und sich nicht rührten. Jake konnte nicht mehr erkennen, was seine ehemaligen Freunde dachten, oder fühlten. Fühlten sie überhaupt irgend etwas? Und wenn ja, war es eventuell Hass ihm gegenüber? Gaben sie ihm weiterhin die Schuld daran, dass sie in dieser Lage waren? Oder, was noch schlimmer wäre, Samara?
Jake schloss die Augen. Dann blickte er Granar ins Gesicht, und antwortete, so bemüht wie nur irgend möglich, ruhig zu bleiben: "Ich will, dass ihr diese Farce beendet! Zumindest der Kampf der beiden Mädchen ist nicht fair! Meine Tochter hat keine Chance gegen Tanía, ihr Blut ist voller Gift!" Er kam nicht weiter, Granar lachte: "Ja, das ist es wohl. Und ich dachte ehrlich gesagt auch, dass deine Tochter stärker wäre. Und mutiger. Nachdem sie es - wohl alleine - bis hierher geschafft hat.. Aber ich sehe, sie ist ziemlich schwach. Nun ja, und was deinen Freund angeht: Er hält sich zwar wacker, aber auch er ist meinem Krieger nicht gewachsen! Wollte ihr nicht jetzt schon aufgeben? Dann wird euer Tod vielleicht ein wenig aufgeschoben sein. Vielleicht können wir sogar noch etwas mit euch anfangen? Wenn ihr euch uns anschließt?"
Jake starrte Granar an. Dieser brauchte nicht nachzufragen, die Antwort funkelte in Jakes Augen. "Also nicht, denke ich... Nun dann, schau weiter zu, wie sie beide untergehen.." Und er gab seinem Untergebenen, der Jake immer noch die Speerspitze an den Hals hielt, den Befehl, diese herunter zu nehmen. Dieser gehorchte, und Granar selbst hielt Jake fest. Er zwang ihn, zu dem Kampfplatz zu schauen, auf dem Tanía immer noch auf Samara lag.
Diese war immer noch durch das Harnivar verloren. Ihre Hände hatten sich noch fester in Samaras Hals gebohrt. Es war beinahe ein Wunder, dass diese noch nicht erstickt war.
Jake sah es an ihren Augen, und er konnte auch sehen, dass sie weinte. "Samara.. bitte... Oh Eywa, ich bitte dich, rette sie! Sie kann nichts für mein Vergehen - und Tanía ebenfalls nicht! Lass nicht zu, dass dies geschieht, EYYWAAA!" schrie Jake plötzlich, und versuchte erneut, sich gegen seine Feinde zur Wehr zu setzen.
Das nächste, was er spürte, war ein Stich in die Seite, ohne Vorwarnung, und er brach zusammen...
Doch Tsu´tey hatte den Schrei gehört. Auch, wenn er momentan hoch konzentriert war, und sich auch nicht weiter auf die gegenüberliegende Arena konzentrieren konnte, so hörte er nun Jakes Schrei. Und es machte ihn wütender denn je. Wie konnte Jake, der Verräter, es wagen, einfach nach Eywa zu rufen? Doch etwas in seinem Ton irritierte auch ihn. Und instinktiv wusste er, dass Jake dies niemals tun würde, WEIL er angeklagt war, ohne einen ersichtlich wichtigen Grund dafür zu haben.
Und so hielt er erneut etwas Abstand zu seinem Gegner, beide hatten sich in der Zwischenzeit mit ihren Waffen attackiert und diverse Wunden zugefügt, und blickte einmal kurz herüber.
Was er sah, ließ auch ihn erstarren. Er realisierte ebenfalls mit einem Blick, was seine Tochter dort mit Samara tat. Nun war ihm auch klar, weshalb Jake erneut die Regeln gebrochen hatte.
Trotz seiner Wut Jake gegenüber, fühlte er noch eine höhere Wut seinem Gegner, der hier und jetzt vor ihm stand.
Dieser sah ebenfalls zur gegenüberliegenden Arena. Er lächelte breit. Aus seinem Mund trat bereits Blut. "Oh, deine Tochter gewinnt, so wie es aussieht... Aber wenn das andere Mädchen tot ist, haben WIR gewonnen, vergiss das nicht!" Er kam nicht weiter.
Tsu´tey raste ebenfalls auf ihn zu. Adrenalin schoss in sein Blut, und er brauchte keine Doge, um auf 100 zu kommen: "Niemals! Du Bastard!", keuchte er, und dann rammte er ihm sein Messer in den Bauch.
Es war eine Sekunde der Unachtsamkeit, die dem Tscha´lar das Leben kostete. Tsu´tey hörte Keuchen in seiner Nähe, und er wusste, dass dieser Ausgang jetzt und hier so überhaupt nicht eingeplant gewesen war. Er stand auch noch eine Sekunde neben dem toten Krieger und zog dann seine Machete aus ihm heraus. Dann sah er zu dem Anführer herüber, und sagte, laut und erhobenen Hauptes: "Und jetzt sorgst du dafür, dass die Mädchen aufhören! Sofort!"
Granar war in der Tat geschockt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Stellvertreter so schwach sein würde. Im Grunde hatte dieser den Tod verdient. Dennoch war er selbstverständlich nicht gewillt, seine großartigste Neuerwerbung, die er jemals hatte, wieder gehen zu lassen.
Er wusste, dass Tanía nicht aufhören würde, bis ihre "Feindin" tot sein würde. Diese war beinahe so weit. Er konnte es sehen. Und Jake auch. "Lass sie gehen, Tsu´tey hat gewonnen! Du hast es versprochen! Die Kämpfe würden vorbei sein, wenn Tsu´tey gewinnt!" keuchte Jake, der immer noch auf dem Boden saß, und sich die Seite hielt.
"Nun", antwortete Granar unverblümt, und auf Jake blickend, "ich habe gelogen. Im Übrigen, dein ehemaliger Freund kann es gerne versuchen, wenn es ihm gelingt, seine Tochter von dem abzuhalten, was sie gerade im Begriff ist, zu Ende zu bringen. Viel Zeit ist nicht mehr, das weißt du auch, nicht wahr?" Jake keuchte nur noch. Er blickte zu Tsu´tey herüber und er brauchte nichts zu sagen. In seinem Blick stand alles!
Und Ts´tey war kein Untier. Er wusste, es ging hier nicht um Jake. Jake war im Grunde kein wirkliches Mitglied ihrer Sippe mehr, es fehlte nur noch die Verhandlung, die dafür da sein würde, ihn zu bestrafen. Aber das war hier und jetzt der falsche Ort. Noch war es nicht so weit. Und hier ging es um Jakes Tochter; und auch, wenn dort ebenfalls noch einiges im Unklaren lag - zum Beispiel, wie sie es überhaupt hierher gelangen, und auch noch wieder so gesund werden konnte - musste auch dies nach hinten verschoben werden. Vielleicht bekamen sie und Neytiri ebenfalls eine Verhandlung. Er musste mit Neytiri sprechen.
Doch jetzt und hier waren nicht diese Monster für die Bestrafung irgend eines bestehenden, oder ehemaligen, Mitgliedes, verantwortlich. Und er wusste auch nicht, ob es der Tod, oder die Verbannung war, die im Raume stand. Dies würde Eywa entscheiden. Das war nicht ihre Aufgabe.
Und so lief Tsu´tey langsam zum anderen Platz hinüber; die Feinde ließen ihn, als Granar ihnen Zeichen gab, ihn passieren zu lassen. Diesem war beinahe klar, dass es keine Chance geben würde, seine Neuerwerbung vom Töten abzuhalten. Und eventuell erledigte sie ihren Vater ja auch noch? Dann hätten sie ein Problem weniger...
Tsu´tey war bei Tanía angekommen. Er schwitzte immer noch aus allen Poren, und er konnte ebenfalls den Wahnsinn in ihren Augen sehen. Jetzt erst recht. Tsu´tey schluckte. Vor allem, als er Samara sah, deren Augen bereits begonnen hatten, glasiger zu werden. Sie weinte, still und leise, und ihre Hände glitten langsam von Tanías Armen. Es war beinahe vorbei - und hier würde kein Jake da sein, um sie nach Menschenart zurück zu holen. Selbst, wenn er es versuchen wollte, würden er und die anderen ihn davon abhalten. Doch auch Tsu´tey wollte nicht, dass Samara starb. Natürlich generell nicht, aber erst recht nicht hier, und durch die Hand seiner Tochter!
Langsam sank er auf die Knie und begann, mit Tanía zu reden: "Bitte, Tanía; sieh mich an! Ich bin es, dein Vater! Was auch immer du jetzt und hier "siehst", es ist nicht wahr! Du unterliegst einem Irrtum, wenn du glaubst, dass dies unter dir ein Feind ist! Es ist deine Freundin! Samara! Du kennst sie doch. Ihr beide seid wie Schwestern!" Dass diese Schwester auch bald eventuell nicht mehr bei ihnen sein könnte, verschwieg er. Er wusste nicht, ob er Tanía erreichen würde. Momentan sah es immer noch nicht so aus...
Jake saß halb aufrecht und hielt sich immer noch die blutende Seite. Er schwitzte auch. Einmal aufgrund seiner Schmerzen, und zum Zweiten aus Angst um Samara, die immer größer wurde. Auch ihm war klar, dass er sie hier und jetzt nicht mehr würde retten können, wenn Tanía sie tatsächlich töten würde. Und er hoffte inständig, dass es Tsu´tey gelingen würde, an seine Tochter heran zu kommen. Er versprach Eywa, alles zu tun, was ihm das Gericht auftrug, auch, wenn es bedeutete, seine Heimat und seine Familie niemals wieder zu sehen - sie sollte nur Samara nicht sterben lassen. Wenn, dann würde er sich freiwillig zu ihr begeben... Das alles sagte er leise, und er konnte nur hoffen, dass Eywa ihn hörte, auch, wenn er kein Omaticaya mehr war...
Ob Eywa ihn hörte, wusste er nicht, zuerst sah es auch nicht so aus, als ob Tanía ihren Vater hörte. Sie war immer noch in ihrer eigenen Welt, von Drogen in eine verkehrte Realität verzogen...
Unter ihr, das verdammte Monster, war härter als sie gedacht hatte. Er atmete immer noch... Sie hörte sein Schnaufen, sah seine Klauen, seine Zähne, seine funkelnden Augen... Wie ihre eigenen Augen funkelten, war ihr selbstverständlich nicht bewusst. Und auch nicht, dass der Glanz in Samaras Augen, um die es sich natürlich wirklich handelte, langsam erstarb.
Tsu´tey merkte, dass er mit Reden nicht weiter kam. Er fasste zu. Natürlich wollte er Tanía nicht wehtun, aber ihm blieb keine Wahl; er griff ihre Hände hart an, und riss sie an sich. Zumindest versuchte er es, doch diese waren so steif, dass er sie, trotz aller Kraft, nicht von Samaras Hals los bekam. Tsu´tey verzweifelte beinahe.
"Tanía, verdammt! LASS SIE LOS - DU BRINGST SAMARA UM!" fauchte er, mit einer Stimme, in der er noch nie mit seiner Tochter geredet hatte.
Und dies schien etwas in ihr zu bewirken. Es war nicht so, dass die Droge nachlassen würde, diese war immer noch in ihrem Blut, aber die Worte, die Tsu´tey gesprochen hatte, drangen tatsächlich erstmalig an ihre Ohren. Jemand hatte gesprochen. Und was sagte er: "Du bringst Samara um"? Was für eine Samara?
Plötzlich wurden ihre Augen groß. Das Bild, was sie bis jetzt vor sich gesehen hatte, flackerte - und sie sah ein anderes, das sich über dieses legte. Das Monster verschwand - und sie erblickte... SAMARA - ihre beste Freundin Samara??
Völlig geschockt wurde ihr Griff weicher - und Tsu´tey riss ihre Arme von Samaras Hals herunter. Er griff seine Tochter und zog sie an sich heran. Diese versuchte, sich zur Wehr zu setzen, denn sie ging jetzt davon aus, dass jemand sie herein gelegt hatte. Dass noch ein zweites Ungeheuer gekommen war, um sie von der Seite anzufallen.. Doch Tsu´tey hatte mit Gegenwehr gerechnet. Er redete auf sie ein, immer und immer wieder - und schließlich roch Tanía seinen Schweiß. Und ihr kam der Geruch irgendwie bekannt vor. Langsam wurde sie wieder klarer...
Nach einigen Sekunden, in denen sie einfach so in seinen Armen lag, bewegte sie sich wieder. Sie war noch nicht wieder bei sich. Und sie sah immer noch wilde Dinge, die nicht der Realität entsprachen. Der Himmel über ihr war violett. Ihr war schlecht, und sie roch Blut. War es ihr eigenes?
Dann spürte sie jemanden neben sich und hörte erneut die Stimme, die sie eben schon einmal gehört hatte: "Sch... Ich bin es, Vater! Sieh her zu mir! Tanía SIEH HER!" und er riss, beinahe schon grob, ihren Kopf zu sich herüber.
Tanía blickte ihn an. Sie hatte schon gar keine andere Wahl mehr. Jetzt erkannt sie, dass es ihr Vater war, doch sie wusste nicht, ob sie ihren Sinnen Glauben schenken konnte? Wieso war ihr Vater hier? Wo war "hier" überhaupt? Und was hatte sie in den letzten Minuten getan? Sie spürte seine Hände, die über ihr Gesicht strichen, und plötzliclh realisierte sie, dass sie zitterte. Die Wirkung der Droge schien langsam nachzulassen.
Schließlich wusste sie, dass Tsu´tey wirklich bei ihr war. "Vater", flüsterte sie, und warf sich in seine Arme. Dieser zog sie an sich, doch nur für einige Sekunden, dann fiel ihm Samara wieder ein. War sie etwa?
Er zog Tanía wieder von ihm fort und blickte zu Samara herüber. Diese sah beinahe so aus, als wäre sie tot. Sie blickte starr nach oben, und er konnte im ersten Moment nicht mehr erkennen, ob sie noch atmete...
Auch Tanía blickte in die gleiche Richtung, und erbleichte. Jetzt erkannte sie, WER dort wirklich lag. Aber das konnte nicht sein! Das DURFTE nicht sein! Hatte sie etwa...
"NEIN! Oh, bei Eywa, NEIN! SAMARA!", schrie sie, und robbte auf ihre beste Freundin zu. Sie sah sofort, dass diese Würgemale auf ihrem Hals hatte. Sie passten eindeutig zu ihren Fingern... Tanía schluchzte auf: "Nein! Samara, bitte! Oh Eywa, das darf nicht sein, ich, ich habe Samara ermordet... Oh Eywa..." Dann begann sie zu weinen. Tsu´tey musste schlucken Ihm war klar, dass es nicht zu leugnen war, was Tanía gesagt hatte. Wenn Samara wirklich tot war, dann hatte seine Tochter sie ermordet - aber irgendwie auch nicht. Es war nicht seine Tochter gewesen, die die Herrschaft über ihren Geist übernommen hatte. Und auch er konnte es nicht verstehen, wie Eywa es zulassen konnte, dass dies geschehen war...
Langsam nahm er erneut Tanía von Samara herunter, es ging keine Gefahr mehr von dieser auf, und blickte Samara ins Gesicht: Sie war blass, aber in ihren Augen war noch etwas zu sehen, was ihn hoffen ließ: Vielleicht war noch ein kleiner Teil von Eywas Geist in ihr? "Samara?" flüsterte er, und auch Tanía beugte sich zu ihrer Freundin. Ihr war schlecht. Wie jedes Mal, wenn die Wirkung der Wahnsinns-Droge nachließ. Doch dieses Mal nicht nur deswegen. Doch sie riss sich zusammen. Es ging um Samara! Um IHRE beste Freundin. die SIE umgebracht hatte. Eywa durfte das nicht zulassen!
Sowohl Granar als auch seine Mannen starrten auf das Geschehen vor sich. Schon als sein Stellvertreter von Tsu´tey getötet worden war, wurde dieser wütend. Und nun sah es auch noch so aus, als ob es diesem vermaledeiten Omaticaya gelungen wäre, seine neueste Errungenschaft wieder zurück zu holen? Er kochte vor Wut.
Aber auch Jake konnte es kaum fassen. Er spürte, dass es bei Samara erneut um Leben und Tod ging, und er wusste auch, dass er nicht eingreifen durfte. Zudem war er verletzt. Er konnte es nicht einmal, selbst, wenn er es gedurft hätte.
Und so musste er hilflos mit ansehen, wie sich Tsu´tey, und nun auch die scheinbar wieder normalisierte, Tanía um sie kümmerten. Jake schloss die Augen und betete weiter...
Sie wussten nicht wie lange es dauerte, eine halbe Ewigkeit, in der sowohl Tsu´tey, als auch Tanía, es immer wieder versuchten. Sie sprachen Samara an, Tanía strich durch ihr Gesicht, ihre Haare, bat sowohl sie, als auch Eywa, um Vergebung.
Und schließlich geschah es: Samaras Körper hob sich, sie atmete keuchend ein und hustete. Dann öffnete sie bewusst ihre Augen. In den ersten paar Sekunden sprach Panik aus ihnen.
Tsu´tey beugte sich zu ihr herab: "Alles ist gut, Samara! Du bist in Sicherheit. Komm hoch, langsam!" Und er half ihr, sich zu setzen.
Samara wusste in der Tat erst einmal nicht, wo sie war. Dann fiel es ihr wieder ein. Sie hatte gegen Tanía kämpfen müssen - und diese lag auf ihr und hatte ihre Hände in ihren Hals gebohrt... Unbewusst führte sie ihre Hände an ihren Hals. Er tat weh. Sie blickte sich um und sah Tsu´tey neben sich? Und - direkt neben ihm: Tanía!
Samara wich zurück - zumindest wollte sie es: "Keine Angst, es ist alles gut! Tanía ist wieder in ihr Bewusstsein zurück geglitten. Sie wird dir nichts mehr tun! Und wir werden jetzt ebenfalls zurück kehren!" sagte Tsu´tey mit einer erneut härteren Stimme. Er stand auf und blickte zu den anderen zurück, unter denen auch Jake war. Tsu´tey realisierte jetzt ebenfalls, dass dieser verletzt war.
Er hob Samara auf, die noch sehr schwach war, und zeigte Tanía an, ihm zu folgen, was diese auch tat. Sie war immer noch verwirrt, im Grunde wusste sie gar nichts von dem, was in den letzten Minuten geschehen war. Und sie hatte keine Ahnung, was nun passieren sollte...
Wenige Minuten später war Tsu´tey bei dem Kreis angekommen, der sich um seine Mannen und Jake gebildet hatte. Auch Granar stand dort und starrte ihn an. Tsu´tey ließ Samara herunter, die zwar immer noch schwach auf den Beinen war, es aber immerhin schaffte, sich zu ihrem Vater zu robben. Die anderen Tscha´lar Krieger hatten sie, auf ein Zeichen Granars, durchgelassen. Jake hatte es ebenfalls ein wenig zu spät realisiert, da er auch mit seiner Verletzung zu kämpfen hatte. Doch dann registrierte er sie als sie sich in die Arme warf: "Vater". Er schloss seine Arme um sie, und antwortete nur: "Samara.. Oh Eywa, ich danke dir!" Dann weinte auch er still und wortlos, mit seiner - lebenden - Tochter in seinen Armen...
Die Tscha´lar und die Omaticaya sahen sich an. Granar war anzusehen, dass er außer sich war, vor Wut. So sollte es nicht enden. Das war von ihm so nicht geplant gewesen.
Tsu´tey sah ihm ins Gesicht: "Wir haben gewonnen! ICH habe deinen Krieger getötet! Also, gib uns unsere Waffen zurück, und dann lass uns ziehen, Anführer der Tscha´lar! Du hast verloren! Ihr habt verloren! Gebt euch geschlagen, ansonsten..."
Granar fiel ihm ins Wort: "Ansonsten was? Denkst du wirklich, du kannst uns drohen? Du hast reines Glück gehabt, Omaticaya-Krieger! Wir lassen uns nicht zerstören. Von niemandem! Aber gut, ich halte mein Wort. Jetzt könnt ihr gehen. Packt eure Sachen zusammen, und geht! Meine Kriegerin bleibt allerdings hier", sagte er noch, mit einem Blick auf Tanía...
Tsu´tey stellte sich genau vor sie. Jetzt waren es seine Augen, die blitzten. "Das wird sicherlich nicht der Fall sein! Ich will alle Gefangenen, die du bei dir hast! Jetzt! Gib uns unsere Frauen und Kinder zurück!"
Granar lachte. Sein Lachen hallte schallend über die Ebene, dann wurde er schlagartig wieder Ernst. "Das glaubst du doch wohl selber nicht! Ich sagte euch - ihr könnt gehen! Seid froh, dass ich euch ziehen lasse! Von mir aus kannst du deine Tochter mitnehmen. Wir werden sehen, wie lange sie ohne das Harnivar aushält..." Ein gemeines Grinsen schob sich auf sein Gesicht, dann fuhr er fort: "Aber weitere Zusagen bekommt ihr nicht! Und jetzt geht! Bevor ich es mir anders überlege - ihr seid in der Unterzahl, mein "FREUND"", und es klang dunkel, bedrohlich, als er "Freund" sagte...
Tsu´tey war zwar klar, dass er mit seinen Leuten in der Unterzahl war, aber in ihm tobte noch das Adrenalin. Er fauchte zurück: "Ich habe den Kampf gewonnen! Und ich VERLANGE, dass unsere Gefangenen frei kommen! GEBT SIE UNS ZURÜCK!"
Granar sah, wie seine Krieger zu ihren Waffen griffen, in eindeutiger Absicht, doch er schüttelte den Kopf. Im Grunde war es auch egal. Vielleicht würder er - vorerst - gute Ware verlieren, und das tat ihm auch ein wenig leid, aber sie würden sich die Ware schon wieder holen - und noch einiges mehr...
Schließlich nickte er: "Ja, ihr bekommt euer Pack. Und jetzt geht! Aber... Wir sehen uns wieder, versprochen!" Und Tsu´tey wusste, dass es ein Versprechen und gleichzeitig eine Drohung war.
Doch das interessierte ihn jetzt weniger. Er nickte ebenfalls, dann griff er Jake hart am Arm, und dieser wurde langsam wieder klar. Er küsste Samara noch einmal, dann stand er, so gut er es mit seiner Verletzung konnte, auf und Samara versuchte ihn so gut sie es konnte, zu stützen. Beide waren noch schwach, doch darauf konnte Tsu´tey jetzt - noch - keine Rücksicht nehmen. Sie ließen sich die Frauen heraus geben, die noch fähig waren, zu laufen. Und die Kinder, die ebenfalls in ihrem Besitz waren. Einigen sah man an, dass sie ebenfalls vollkommen weggetreten waren.
Tsu´tey und die anderen schluckten, als sie die Frauen und Kinder in ihrem Zustand sahen - vor allem den Frauen sah man an, was ihnen angetan worden war. Und diese traten wie Schuldige vor ihre Männer. Doch im Moment war dieses eher nebensächlich. Sie wollten einfach nur nach Hause. Was danach mit ihnen geschehen sollte, würde ebenfalls Eywa entscheiden.
Und so setzten sie sich alle wieder in Bewegung. Zurück in ihre Heimat, die ebenfalls zerstört worden war. Kurz nachdem sie los gegangen waren, spie ihnen Granar noch eine Warnung hinterher. Sie alle wussten: Sie würden sich wieder sehen...

