3. Kapitel - Angriff
Als Samara und die anderen zurück gekehrt waren, hatten sie ein Fest gefeiert, das einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch dauerte. Mit Bestehen der letzten Prüfung war Samara in die Welt der Jährigen aufgenommen worden. So einem wunderschönen Fest hatte bis jetzt nicht einmal Jake beiwohnen dürfen und es faszinierte ihn. Als der Tag sich dem Ende neigte und die Nacht herein brach, kamen von überall kleine Leuchtkügelchen, fliegende Insekten, heran. Völlig harmlose, kleine Wesen, die so faszinierend waren, dass sogar Neytiri sie still beobachtete. Und sie kannte ja nun wirklich jedes Lebewesen in Pandora…
Dann war auch diese Nacht vorbei gegangen - mit all ihren wunderschönen Erscheinungen - und der Alltag hatte sie wieder.
Mittlerweile waren einige Wochen ins Land gezogen und auch Tanía, Samaras beste Freundin und Tsu´teys Tochter, hatte ihre Prüfung mit ihrem Ikran bestanden. Sie hatten ebenfalls gefeiert und einen Tag danach wollten Samara und Tanía gemeinsam mit ihren Ikrans um die Wette fliegen. Es war ein wunderschöner, milder Tag und niemand hatte etwas dagegen einzuwenden. Im Gegenteil, Samara hatte mittlerweile richtig Übung im Umgang mit ihrem Flugtier; der Ikran gehorchte ihr aufs Wort und bockte auch nicht mehr, und Tanía brauchte noch ein wenig Übung, immerhin war sie noch nicht so lange mit ihrem vereint. Und wie hieß es noch so schön: “Übung macht den Meister!” Also liefen Samara und Tanía zum Sammelplatz der Ikrans und riefen ihre Flugtiere herbei. Dann setzten sie sich auf ihren Rücken, bildeten eine Einheit mit ihnen und flogen gen Himmel. Sie hatten ein Ziel vor Augen, den Wald, den ihre Eltern und die anderen Mitglieder ihrer Gemeinschaft bereits seit der Zerstörung durch die Himmelsmenschen wieder neu aufgebaut und dann sich selbst überlassen hatten.
Die Bäume waren hoch gewachsen und das Stück, über dem Samara und Tanía kreisten, war kaum einzusehen. Samara konnte es nicht erklären, aber gerade das war es, was ihr ein besonderes Vergnügen bereitete, gerade dort herum zu fliegen und ihren Ikrans kam niemand in die Quere. Es gab nur ein Wesen, dass ihnen theoretisch tatsächlich gefährlich werden könnte; dies war der Toruk, den außer ihrem Vater niemals jemand wieder gezähmt hatte. Doch dieser war seit seinem Ritt auf ihm je wieder gesichtet worden und so machte sich Samara auch keine Sorgen, dass es dieses Mal geschehen würde.
Sie und Tanía flogen um die Wette, riskierten harte Wendemanöver und Samara flog scharf um ihre Freundin herum. Je länger sie flogen, umso besser wurde diese. Schließlich waren sie beinahe tatsächlich auf Augenhöhe und Samara gab ihrem Ikran den Befehl noch schneller zu fliegen. Sie wollte einfach den Wind in ihrem Gesicht spüren, die Freiheit genießen - und vielleicht ihrer Freundin zeigen, dass sie ein klein wenig besser war… Sie lächelte. Das ganze war natürlich nur Spaß; sie würde schon darauf achten, dass Tanía hinter ihr blieb und sie nicht verlor; doch jetzt wollte sie frei sein! Und mit einem Schrei gab sie ihrem Ikran den Befehl, so schnell zu fliegen, wie er es wollte. Sie hörte noch einen kurzen Ruf von Tanía, konnte aber nicht mehr verstehen, was genau diese ihr hinterher rief… Doch das war ihr auch egal. Samara wusste, dass Tanía ihr in ihrer eigenen Geschwindigkeit folgen würde, von daher machte sie sich da keine Gedanken. Ihre Freundin handelte - im Gegensatz zu ihr manchmal - nicht unüberlegt, und wenn sie genug hatte, spätestens in einigen Minuten, würde sie umkehren und sich wieder deren Schnelligkeit anpassen.
Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Unbemerkt von den Mädchen, und auch sonst irgend jemandem, waren Jäger in dem Dickicht unter ihr hervorgekommen. Jäger eines fremden Stammes, den noch keiner von ihnen kannte und von dem auch niemand wusste, dass er sich hier aufhielt. Sie hatten bis jetzt erfolgreich im Verborgenen gelebt, doch nun sollte sich dies ändern, denn dieser Stamm war alles andere als friedlich…
Sie zogen ihre Bögen und zielten mit ihren Pfeilen auf die Eindringlinge, die über ihnen mit ihren Flugdrachen ihre Kreise zogen. Bald würde es soweit sein, sie hatten Pläne einen Angriff zu starten und diese Mädchen dort waren der Anfang.
Zwei Eindringlinge, die sie erledigen mussten. Ihr Häuptling wollte Beute! Tote Beute! Sie spannten ihre Bögen und setzten die Giftpfeile an diese an - dann schossen sie. Die Pfeile verfehlten ihr Ziel nicht…
Samara war mit ihrem Ikran schon eine ganze Weile vorneweg, als dieser von etwas getroffen wurde. Er stieg senkrecht in die Höhe und kreischte. Samara versuchte verzweifelt, sich festzuhalten; was ihr auch zuerst gelang, doch dann zischte noch einer der Pfeile auf sie zu und traf den Ikran an seinem Hals. Er stürzte senkrecht nach unten. Samara hatte keine Chance. Sie war immer noch mit ihm verbunden und versuchte verzweifelt, die Verbindung zu trennen. Schließlich gelang es ihr. Der Ikran fiel auf den Boden; doch das letzte was er tat, bevor er aufhörte, sich zu rühren war, dass er mit seinem Schwanz ausholte und Samara einige Meter von sich wegschleuderte, gerade rechtzeitig um zu verhindern, dass sie ebenfalls von Pfeilen durchlöchert wurde… Dann fiel er wie ein Stein nach unten und auch Samara raste auf den Boden zu…
Tanía hatte mit Entsetzen zugeschaut, wie Samara anscheinend angegriffen wurde - sie konnte niemanden erkennen, alles, was sie sah, waren die Pfeile, die auf ihren Ikran und sie herauf geschossen wurden - und auch sie lief Gefahr, getroffen zu werden. Zuerst hatte sie ihr folgen wollen; im ersten Moment war sie ihr sogar noch ein Stück gefolgt, aber dann zischten auch Pfeile an ihr vorbei.
Tanía hatte sofort gemerkt, dass es Giftpfeile waren und es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihren Ikran zurück zu ziehen und mit ihm zurück zu fliegen. Auch, wenn es ihr in der Seele weh tat, Samara im Stich zu lassen, doch es half niemanden, wenn sie auch noch getötet wurde…
So schnell sie konnte, flog sie mit ihrem Ikran zu ihrem Lager zurück. Als sie meinte, weit genug entfernt zu sein und sich vergewissert hatte, dass ihr niemand folgte - sie sah sich einige Male gehetzt um und schaute auch nach unten, doch sie konnte niemanden erkennen - begann sie, kurze, abgehackte Laute von sich zu geben, die jeder ihrer Sippe als Angst-, beziehungsweise Hilfeschreie erkannte. Sie schrie so laut sie konnte und gab ihrem Ikran den Befehl so schnell zu fliegen, wie er nur konnte. Auch, wenn sie sich festkrallen musste, um nicht von ihm herab zu fallen…
Jake, Tsu´tey und die anderen Männer waren bei ihrer Arbeit in der Nähe des Lagers, als sie Tanías Schreie hörten. Zuerst sehr leise, so dass Jake es beinahe überhört hatte; doch Tsu´tey hatte bereits den Kopf gehoben. Dann wurden die Schreie lauter und auch Jake erkannte es als das, was es war: Panik. Und er erkannte, dass sie von Tanía kamen, der besten Freundin seiner Tochter. Tsu´tey hatte bereits das Werkzeug weggelegt, mit dem er gerade arbeiten wollte, und sah in den Himmel. Jake tat es ihm gleich. Sie sahen Tanías blauen Ikran, der in einem viel zu schnellen Tempo flog - sie wussten, dass Tanía noch nicht ganz so gut war wie Samara - und wussten direkt, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Jakes Herz klopfte bis zum Anschlag. Was war hier los? Er wusste, dass Tsu´teys Tochter genauso wenig wie ihr Vater leicht in Angst zu versetzen war…
Und dann begriff er noch etwas. Sie war alleine! Gehetzt blickte er sich um, sah hinter sie, doch er konnte Samara nirgends erkennen! Spätestens jetzt war es mit seiner Ruhe tatsächlich vorbei. Auch Tsu´tey war anzumerken, dass er sich Sorgen machte. Schließlich landete der Ikran direkt vor ihnen und Tsu´tey trat vor um seiner Tochter von ihm herunter zu helfen. Bevor er etwas sagen beziehungsweise fragen konnte, begann Tanía zu reden; zumindest versuchte sie es: “Wir, wir… wir wurden angegriffen….” Weitere Worte gingen in Weinkrämpfen und Stottern unter, doch es reichte um Jake in völlige Panik zu versetzen. Er trat vor und drängte sich zwischen Tsu´tey und Tanía. Er kniete sich auf Augenhöhe und fasste sie an den Schultern. “Was? Was meinst du damit, ihr wurdet angegriffen? Wo? Von wem? Wo ist Samara??” Tsu´tey legte seinerseits eine Hand auf Jakes Schulter und versuchte, ihn ein wenig von Tanía fortzuziehen, doch vorerst ohne Erfolg. Jakes Adrenalinspiegel war in die Höhe geschnellt und er konnte es nachvollziehen.
Trotzdem beugte auch er sich zu seiner Tochter herab und sah ihr in die Augen. “Tanía ganz ruhig! Sag uns was geschehen ist! Was meinst du damit, dass ihr angegriffen wurdet? Was ist passiert?” Jake war die Ungeduld an der Nasenspitze anzusehen, und Tanía wusste, dass sie keine Wahl hatte, als es zu sagen. Sie atmete einmal tief ein und aus und versuchte, so ein wenig Ruhe in sich zu sammeln und die Anspannung loszuwerden. Hier war sie in Sicherheit und ihr konnte nichts mehr passieren! Doch dann wurde ihr kalt, als sie an Samara dachte. Wieder traten ihr Tränen in die Augen, doch sie hielt sich zurück. Dann räusperte sie sich und begann zu reden: “Wir, wir sind über dem Wald geflogen; das wilde Gebiet, das kaum einzusehen ist.. Es ist so schön dort, und Samara ist einige Meilen vor mir her geflogen; ich kam nicht so schnell hinterher aber…” Sie merkte, dass sie Gefahr lief, sich zu verhaspeln und so riss sie sich erneut zusammen. “Wir sind angegriffen worden; ich weiß nicht von wem, ich konnte durch die dichten Bäume nichts erkennen; aber… aber plötzlich schossen Giftpfeile von unten auf uns zu und, und… Samara….” Tanía wurde von einem erneuten Weinkrampf geschüttelt.
Jake hatte entgeistert auf Tanía gestarrt und auch Tsu´tey starrte seine Tochter an. Jemand hatte auf die Mädchen gezielt? Hier in ihrem Gebiet? Bevor Tsu´tey sich noch weitere Gedanken machen konnte, hörte er Jakes raue Stimme, als dieser sprach: “Wo ist Samara?? Was ist mit ihr? WAS IST MIT SAMARA??” Das letzte hatte er geschrieen.
Tanía sah ihn an und in ihren Augen blinzelten Tränen. “Ihr Ikran wurde getroffen; er ist auf den Boden gestürzt und Samara.. Sie ist abgestürzt… Es tut mir leid.. Ich wollte hinter ihr her, wirklich, aber die Pfeile.. Sie flogen nur so um mich herum und ich hatte Angst, dass sie mich auch treffen würden, also bin ich umgedreht.. Es tut mir leid, Vater; Jake…”
Innerhalb der ersten Sekunden war es ruhig; so ruhig, dass man nicht mal ein kleines Tier hören konnte; selbst der Wind hatte seine Geräusche eingestellt. Jake wurde es heiß und kalt gleichzeitig. Er brauchte einige Sekunden um zu begreifen, was Tanía ihnen da gerade gesagt hatte. Doch dann hatte er es begriffen. Die Mädchen waren angegriffen worden - alleine das war schon schlimm genug, denn er konnte sich nicht vorstellen, von wem - doch seine Samara war von ihrem Ikran gestürzt! In die Tiefe, in den Wald.. Und wer weiß, in wessen Hände… Jake dachte nicht mehr, er drehte sich um und wollte losrennen, doch zwei starke Hände hielten ihn auf. “Was hast du vor, Jake?” fragte Tsu´tey, mittlerweile nannte er ihn auch so, es sei denn, er war wütend auf ihn.. “Was ich vor habe? Hast du nicht gehört, was Tanía gerade gesagt hat? Meine Tochter ist angegriffen worden; sie liegt da draußen im Wald, unter Umständen verletzt; was soll ich schon vorhaben, ich will sie suchen!” Tsu´tey sah ihn an. Sein Gesicht hatte sich rot verfärbt und er schnaubte als er Jake antwortete: “Jake-Sully, ich kann deine Gefühle nachvollziehen, aber wir dürfen jetzt nicht vorschnell handeln. Wir werden sie suchen; selbstverständlich! Aber wir brauchen Verstärkung. Wir müssen unsere Krieger und Kriegerinnen zusammen rufen und gemeinsam den Bereich absuchen! Wir wissen nicht, was uns dort erwartet - WER uns dort erwartet, Jake..” Normalerweise war Jake der Vernünftigere von ihnen, doch in diesem Fall war es Tsu´tey, der eindringlich sprach.
Jake war kaum zu halten. Er verstand zwar, was sein Freund ihm sagen wollte, aber sein Herz schlug ihm bis zum Hals und seine Ungeduld war kaum auszuhalten. “Ich muss sie finden, Tsu´tey, ich muss meine Tochter finden…” “Ja, Jake, das müssen wir - und das werden wir! Aber das werden wir zusammen in die Hand nehmen. Wir werden jetzt die Krieger zusammen rufen.” Er wandte sich an seine Tochter: “Tanía, flieg zu den Frauen und ruf sie zusammen; wir müssen die Ikrans holen und dann fliegen wir alle zusammen zum Rande des Waldes. Es ist besser, wenn wir die Flugtiere dort lassen und uns zu Fuß dort umsehen. Und du wirst im Lager bleiben, Tochter!”
Tanía sagte nichts, sie nickte nur und stieg erneut auf ihren Ikran um zum Lager zurück zu fliegen und den Worten ihres Vaters Folge zu leisten. Die erste, die sie informieren musste, würde Neytiri sein, und Tanía wusste, dass diese alles weitere in die Wege leiten würde. Jake sah Tsu´tey an und sagte nichts. Aber sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Er wollte nicht warten, dennoch war ihm bewusst, dass sein Freund Recht hatte. Aber sein Herz schlug ihm bis zum Hals und er konnte es kaum abwarten, als es endlich los ging. Er, Tsu´tey und die anderen, die bei ihnen waren, rannten los um zu der Plattform zu laufen, auf der sich die Ikrans aufhielten; dort würden sie auf die Kriegerfrauen warten, die bereits von Tanía informiert worden waren. Kurze Zeit später waren sie da. Neytiri war genauso aufgelöst wie Jake und die beiden fielen sich kurz in die Arme. Doch niemand redete groß miteinander, sie riefen ihre Ikrans zu sich und machten sich auf den Weg.
Einige Zeit später waren sie am Rande des Waldes angekommen. Der Wald war tatsächlich sehr uneinsichtlich, mit großen, stattlichen Bäumen und es wäre in der Tat keine gute Idee gewesen, über ihn drüber zu fliegen. Außerdem mussten sie vorsichtig sein. Sie wiesen ihre Ikrans an, auf sie zu warten und lösten sich von ihnen, um gemeinsam in den Wald zu ziehen; Jake, Neytiri und Tsu´tey gingen vorneweg. Jakes Herz klopfte ihm bis zum Anschlag und auch Neytiri fühlte sich nicht anders. Sie hatte bereits bevor Tanía zu ihnen gekommen war, gespürt, dass etwas nicht in Ordnung war; eine innere Stimme sprach zu ihr, bevor sie es von dem Mädchen erfahren hatte. Und jetzt sagte ihr diese Stimme, dass ihre Tochter in Gefahr war. Die innere Verbindung zu ihr war gelöst und sie hatte Angst. Denn es gab nur einen Grund dafür, doch diesen wollte sie nicht akzeptieren… Jake sah sie an. Er kannte die Verbindung zwischen seiner Frau und seiner Tochter: “Sag mir, dass sie lebt; bitte!” flüsterte er und sah ihr in die Augen. Neytiri schaute weg. Sie konnte ihn nicht anlügen, doch die Wahrheit konnte sie ihm auch nicht sagen.
Die Wahrheit konnte sie sich nicht einmal selbst eingestehen… “Ich weiß es nicht, Jake…”, sagte sie schließlich, da sie seinen Blick immer noch auf sich spürte. Jake antwortete nicht. Seine Gesichtszüge verhärteten sich und er versuchte, sich wieder auf die Gegend zu konzentrieren.
Die Krieger achteten auf jedes kleine Geräusch. Sie waren gewarnt und wussten nun, dass es hier Feinde gab. Feinde, die keiner von ihnen wirklich einschätzen konnte. Noch hatten sie nichts entdeckt und auch keine Spuren gefunden, sie auf eine fremde Existenz deuteten. Sie hatten ihre Waffen gezogen und waren auf jede Eventualität eingestellt; auch auf Angriffe. Doch die Stille, die sie umfing war beinahe grauenvoller, als wenn sie tatsächlich angegriffen worden wären - und von Samara war weit und breit nichts zu sehen…
“Hier ist niemand, Jake” sagte Tsu´tey schließlich. Er war sich ziemlich sicher, dass die Feinde mittlerweile fort waren - und ihre Spuren auf professionelle Weise unkenntlich gemacht hatten. Sie konnten nicht eine einzige Spur ausmachen; auch nicht von Jakes Tochter.. “Ich gehe nicht ohne Samara!” antwortete Jake mit zusammen gepressten Zähnen. Tsu´tey antwortete ihm nicht, sondern suchte weiter. Sie waren mittlerweile immer tiefer in den Wald hinein gelaufen - und plötzlich blieb einer der Krieger stehen und zeigte auf etwas wenige Meter vor ihnen. Zuerst konnte Jake nicht erkennen, um was es sich handelte, doch dann erkannte er mit Schrecken, was es war: Neben einem dichten Baumstamm lag etwas großes, rötliches, das in sich zusammen gefaltet war, und er erkannte erst beim zweiten Blick, um was es sich handelte: Samaras Ikran.
Für Jake gab es kein Halten mehr und auch Neytiri schoss nach vorne, als sie ebenfalls begriffen hatte, was da vor ihnen lag. Sie hörten zwar Tsu´teys warnende Rufe, aber das war ihnen egal. In diesem Moment machte keiner von ihnen sich Gedanken über mögliche Gefahren. Tsu´tey und die anderen Krieger und Kriegerinnen folgten ihnen in sicherem Abstand und hielten immer noch ihre Waffen in Bereitschaft..
Jake und Neytiri waren bei dem Ikran angekommen. Sie sahen sofort, dass er tot war. Beiden schoss kurz ein Gefühl der Trauer durch den Körper, doch sie rissen sich zusammen. Es ging nicht um den Ikran. Jake sah sich gehetzt um. Er konnte Samara nirgends erkennen.. Auf der einen Seite war er erleichtert, doch dann stieg Kälte in ihm auf. Wenn sie nicht hier war, wo war sie dann?? Und dann wurde ihm plötzlich ganz kalt, als er an eine Möglichkeit dachte, die er bis dahin völlig außer acht gelassen hatte.. Er blickte Neytiri an und diese verstand. Langsam gingen sie zu dem Ikran und fassten ihn an beiden Enden - Jake an der einen und Neytiri an der anderen - und drehten ihn um. Der Boden unter ihm war blutig, doch sie sahen mit Erleichterung, dass sie nicht das vorfanden, was sie befürchtet hatten. Ihre Tochter war nicht unter dem Tier begraben.
Beide ließen den Ikran wieder fallen und setzten ihre Suche fort. Sie musste doch hier irgendwo sein! `Wenn der Ikran hier ist, dann muss sie doch in der Nähe sein!´ dachte Jake verzweifelt, und dann begann er, zu schreien: “SAMARA!!! SAMARA WO BIST DU?? ANTWORTE WENN DU MICH HÖREN KANNST!!” Tsu´tey war schneller bei ihm, als ihm lieb war: “Halt den Mund, Jake-Sully! Hast du vergessen, was hier lauern kann? Nur, weil wir nichts entdeckt haben, muss das nicht bedeuten, dass hier niemand ist! Willst du uns in die Falle laufen lassen? Bist du immer noch ein Mensch?? Nach all den Jahren??” Jake sah ihn an, in seinen Augen loderten Flammen: “Beleidige mich nicht, “Freund”! Es geht hier um meine Tochter! Und wie wir bereits festgestellt haben ist hier niemand, denn wenn, dann wären wir vermutlich schon längst tot! Diese Bastarde hatten keine Probleme damit, mein Mädchen vom Himmel zu schießen, also denke ich nicht, dass sie Skrupel hätten, uns anzugreifen. Sie sind nicht mehr hier! Und nein, ich bin kein Mensch mehr, Tsu´tey! Schon lange nicht mehr..”
Neytiri stellte sich neben Jake und sah die beiden an. Auch in ihren Augen funkelte es: “Hört auf, alle beide! Wie Jake schon sagte; es geht um Samara! Ich fühle sie nicht mehr… Das heißt, wir haben nicht mehr viel Zeit. Die, die wir noch haben, sollten wir nicht damit vergeuden, uns anzugreifen!”
Die beiden Männer sahen sich an. “Du hast recht; Es tut mir Leid, Jake.. Lasst uns den Wald weiter absuchen. Irgendwo muss sie sein!” sagte Tsu´tey schließlich und so fuhren sie mit der Suche fort.
In der Gegend, in der sie den Ikran gefunden hatten waren sie nicht von Erfolg gekrönt. Doch plötzlich stieß eine der Kriegerinnen einen Schrei aus, der ihnen bedeutete, dass sie etwas gefunden hatte. Jake schoss erneut nach vorne. Neytiri folgte ihm. Dann sah er sie. Es war eindeutig, um wen es sich handelte; vor ihm lag der Körper seiner Tochter. Um einen Baum gewickelt und unter Laub begraben, doch es war eindeutig sie. Jake und Neytiri stürzen zu ihr und dann knieten sie sich hin. Jake befreite seine Tochter vom Laub und dann sah er erst, was geschehen war. Sie war ohne Bewusstsein; ihre Atmung war flach. So wie es aussah, war sie aus der Höhe auf den Baum geprallt und mitsamt dem Ast, auf dem sie gefallen war, auf den Boden gestürzt. Der Ast lag unter ihr. Sie blutete aus mehreren Wunden, und ihr Arm war gebrochen.
Jake konnte nichts sagen. Er legte vorsichtig seine Hand unter ihren Kopf und wollte ihn sanft anheben, als er etwas warmes, nasses auf seiner Hand spürte. Jake zog sie zurück. Entgeistert starrte er auf die rote Innenfläche seiner Hand und sah, wie ein rotes Rinnsaal auf die Blätter floss. Er schloss die Augen. Das war ein Alptraum; das konnte nur ein Alptraum sein; doch der Klagelaut, der neben ihm angestimmt wurde, und eindeutig von Neytiri stammte, sagte ihm das Gegenteil. Langsam öffnete er seine Augen wieder. Samara lag immer noch vor ihm und seine Hand auf die er starrte, war immer noch rot. Rot von ihrem Blut, das aus einer Wunde an ihrem Hinterkopf floss… Jake erwachte aus seiner Lethargie. Ohne zu zögern riss er einen Teil seiner Kleidung ab und legte diese so vorsichtig er konnte um Samaras Kopf. Er musste die Blutung stillen. Dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände - nachdem er ihr Blut so gut es ging von seinen Händen gewischt hatte. “Sam... Samara… Bitte; Bitte wach auf; hörst du mich; du musst aufwachen, bitte!” “Sie hört dich nicht, Jake. Sie ist in der Dunkelheit gefangen…” flüsterte Neytiri neben ihm. Er konnte erkennen, wie verzweifelt sie war.
Jake standen Tränen in den Augen und auch Neytiri ging es nicht besser. Er küsste seiner Tochter auf die Stirn und versuchte es erneut, obwohl er wusste, dass Neytiri recht hatte. Sie würde es als erstes wissen, wenn Samara wach war. Doch das war sie nicht. Sie war in tiefer Bewusstlosigkeit und schließlich war es erneut Tsu´tey, der zu ihnen getreten war und sagte: “Wir müssen sie ins Lazarett bringen, nur die Medizinfrauen können ihr helfen - wenn es eine Möglichkeit gibt, ihr zu helfen.. Eywa wird dies entscheiden. Komm Jake, Neytiri…”
Neytiri stand sofort auf doch Jake blieb sitzen. Er hielt Samara immer noch in den Armen und die Verzweiflung war so tief, dass es sogar Tsu´tey in die Glieder fuhr. Doch schließlich war er stärker. “Komm Jake, wenn deine Tochter eine Chance haben soll, dann muss es schnell gehen. Wir werden sie in die Obhut der Medizinfrauen geben und dann werden wir Eywa bitten, ihr wieder Leben einzuhauchen. Mehr können wir nicht tun…”
Schließlich reagierte Jake. Langsam stand er auf und hob Samara hoch. Sie lag in seinen Armen wie eine Puppe; schlaff, leblos.. Er sackte beinahe selber ein, doch er riss sich zusammen. Langsam bewegte er sich vorwärts, immer einen Fuß vor den anderen setzend, und dann waren sie schließlich wieder am Rand des Waldes angekommen, wo ihre Ikrans auf sie warteten. Jake stieg auf seinen, wozu er, wenn auch äußerst ungern, Samara an Tsu´tey abgeben musste, und nahm sie dann wieder entgegen. Dann flogen sie so schnell es ging zurück in ihr Lager. Alle wussten, dass es um Samaras Leben ging. Keiner, nicht einmal Neytiri konnte sagen, ob diese den Tag, die Nacht und die darauf folgenden Tage, überleben würde. Es stand in den Sternen; und lag in Eywas Hand…
Dann war auch diese Nacht vorbei gegangen - mit all ihren wunderschönen Erscheinungen - und der Alltag hatte sie wieder.
Mittlerweile waren einige Wochen ins Land gezogen und auch Tanía, Samaras beste Freundin und Tsu´teys Tochter, hatte ihre Prüfung mit ihrem Ikran bestanden. Sie hatten ebenfalls gefeiert und einen Tag danach wollten Samara und Tanía gemeinsam mit ihren Ikrans um die Wette fliegen. Es war ein wunderschöner, milder Tag und niemand hatte etwas dagegen einzuwenden. Im Gegenteil, Samara hatte mittlerweile richtig Übung im Umgang mit ihrem Flugtier; der Ikran gehorchte ihr aufs Wort und bockte auch nicht mehr, und Tanía brauchte noch ein wenig Übung, immerhin war sie noch nicht so lange mit ihrem vereint. Und wie hieß es noch so schön: “Übung macht den Meister!” Also liefen Samara und Tanía zum Sammelplatz der Ikrans und riefen ihre Flugtiere herbei. Dann setzten sie sich auf ihren Rücken, bildeten eine Einheit mit ihnen und flogen gen Himmel. Sie hatten ein Ziel vor Augen, den Wald, den ihre Eltern und die anderen Mitglieder ihrer Gemeinschaft bereits seit der Zerstörung durch die Himmelsmenschen wieder neu aufgebaut und dann sich selbst überlassen hatten.
Die Bäume waren hoch gewachsen und das Stück, über dem Samara und Tanía kreisten, war kaum einzusehen. Samara konnte es nicht erklären, aber gerade das war es, was ihr ein besonderes Vergnügen bereitete, gerade dort herum zu fliegen und ihren Ikrans kam niemand in die Quere. Es gab nur ein Wesen, dass ihnen theoretisch tatsächlich gefährlich werden könnte; dies war der Toruk, den außer ihrem Vater niemals jemand wieder gezähmt hatte. Doch dieser war seit seinem Ritt auf ihm je wieder gesichtet worden und so machte sich Samara auch keine Sorgen, dass es dieses Mal geschehen würde.
Sie und Tanía flogen um die Wette, riskierten harte Wendemanöver und Samara flog scharf um ihre Freundin herum. Je länger sie flogen, umso besser wurde diese. Schließlich waren sie beinahe tatsächlich auf Augenhöhe und Samara gab ihrem Ikran den Befehl noch schneller zu fliegen. Sie wollte einfach den Wind in ihrem Gesicht spüren, die Freiheit genießen - und vielleicht ihrer Freundin zeigen, dass sie ein klein wenig besser war… Sie lächelte. Das ganze war natürlich nur Spaß; sie würde schon darauf achten, dass Tanía hinter ihr blieb und sie nicht verlor; doch jetzt wollte sie frei sein! Und mit einem Schrei gab sie ihrem Ikran den Befehl, so schnell zu fliegen, wie er es wollte. Sie hörte noch einen kurzen Ruf von Tanía, konnte aber nicht mehr verstehen, was genau diese ihr hinterher rief… Doch das war ihr auch egal. Samara wusste, dass Tanía ihr in ihrer eigenen Geschwindigkeit folgen würde, von daher machte sie sich da keine Gedanken. Ihre Freundin handelte - im Gegensatz zu ihr manchmal - nicht unüberlegt, und wenn sie genug hatte, spätestens in einigen Minuten, würde sie umkehren und sich wieder deren Schnelligkeit anpassen.
Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Unbemerkt von den Mädchen, und auch sonst irgend jemandem, waren Jäger in dem Dickicht unter ihr hervorgekommen. Jäger eines fremden Stammes, den noch keiner von ihnen kannte und von dem auch niemand wusste, dass er sich hier aufhielt. Sie hatten bis jetzt erfolgreich im Verborgenen gelebt, doch nun sollte sich dies ändern, denn dieser Stamm war alles andere als friedlich…
Sie zogen ihre Bögen und zielten mit ihren Pfeilen auf die Eindringlinge, die über ihnen mit ihren Flugdrachen ihre Kreise zogen. Bald würde es soweit sein, sie hatten Pläne einen Angriff zu starten und diese Mädchen dort waren der Anfang.
Zwei Eindringlinge, die sie erledigen mussten. Ihr Häuptling wollte Beute! Tote Beute! Sie spannten ihre Bögen und setzten die Giftpfeile an diese an - dann schossen sie. Die Pfeile verfehlten ihr Ziel nicht…
Samara war mit ihrem Ikran schon eine ganze Weile vorneweg, als dieser von etwas getroffen wurde. Er stieg senkrecht in die Höhe und kreischte. Samara versuchte verzweifelt, sich festzuhalten; was ihr auch zuerst gelang, doch dann zischte noch einer der Pfeile auf sie zu und traf den Ikran an seinem Hals. Er stürzte senkrecht nach unten. Samara hatte keine Chance. Sie war immer noch mit ihm verbunden und versuchte verzweifelt, die Verbindung zu trennen. Schließlich gelang es ihr. Der Ikran fiel auf den Boden; doch das letzte was er tat, bevor er aufhörte, sich zu rühren war, dass er mit seinem Schwanz ausholte und Samara einige Meter von sich wegschleuderte, gerade rechtzeitig um zu verhindern, dass sie ebenfalls von Pfeilen durchlöchert wurde… Dann fiel er wie ein Stein nach unten und auch Samara raste auf den Boden zu…
Tanía hatte mit Entsetzen zugeschaut, wie Samara anscheinend angegriffen wurde - sie konnte niemanden erkennen, alles, was sie sah, waren die Pfeile, die auf ihren Ikran und sie herauf geschossen wurden - und auch sie lief Gefahr, getroffen zu werden. Zuerst hatte sie ihr folgen wollen; im ersten Moment war sie ihr sogar noch ein Stück gefolgt, aber dann zischten auch Pfeile an ihr vorbei.
Tanía hatte sofort gemerkt, dass es Giftpfeile waren und es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihren Ikran zurück zu ziehen und mit ihm zurück zu fliegen. Auch, wenn es ihr in der Seele weh tat, Samara im Stich zu lassen, doch es half niemanden, wenn sie auch noch getötet wurde…
So schnell sie konnte, flog sie mit ihrem Ikran zu ihrem Lager zurück. Als sie meinte, weit genug entfernt zu sein und sich vergewissert hatte, dass ihr niemand folgte - sie sah sich einige Male gehetzt um und schaute auch nach unten, doch sie konnte niemanden erkennen - begann sie, kurze, abgehackte Laute von sich zu geben, die jeder ihrer Sippe als Angst-, beziehungsweise Hilfeschreie erkannte. Sie schrie so laut sie konnte und gab ihrem Ikran den Befehl so schnell zu fliegen, wie er nur konnte. Auch, wenn sie sich festkrallen musste, um nicht von ihm herab zu fallen…
Jake, Tsu´tey und die anderen Männer waren bei ihrer Arbeit in der Nähe des Lagers, als sie Tanías Schreie hörten. Zuerst sehr leise, so dass Jake es beinahe überhört hatte; doch Tsu´tey hatte bereits den Kopf gehoben. Dann wurden die Schreie lauter und auch Jake erkannte es als das, was es war: Panik. Und er erkannte, dass sie von Tanía kamen, der besten Freundin seiner Tochter. Tsu´tey hatte bereits das Werkzeug weggelegt, mit dem er gerade arbeiten wollte, und sah in den Himmel. Jake tat es ihm gleich. Sie sahen Tanías blauen Ikran, der in einem viel zu schnellen Tempo flog - sie wussten, dass Tanía noch nicht ganz so gut war wie Samara - und wussten direkt, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Jakes Herz klopfte bis zum Anschlag. Was war hier los? Er wusste, dass Tsu´teys Tochter genauso wenig wie ihr Vater leicht in Angst zu versetzen war…
Und dann begriff er noch etwas. Sie war alleine! Gehetzt blickte er sich um, sah hinter sie, doch er konnte Samara nirgends erkennen! Spätestens jetzt war es mit seiner Ruhe tatsächlich vorbei. Auch Tsu´tey war anzumerken, dass er sich Sorgen machte. Schließlich landete der Ikran direkt vor ihnen und Tsu´tey trat vor um seiner Tochter von ihm herunter zu helfen. Bevor er etwas sagen beziehungsweise fragen konnte, begann Tanía zu reden; zumindest versuchte sie es: “Wir, wir… wir wurden angegriffen….” Weitere Worte gingen in Weinkrämpfen und Stottern unter, doch es reichte um Jake in völlige Panik zu versetzen. Er trat vor und drängte sich zwischen Tsu´tey und Tanía. Er kniete sich auf Augenhöhe und fasste sie an den Schultern. “Was? Was meinst du damit, ihr wurdet angegriffen? Wo? Von wem? Wo ist Samara??” Tsu´tey legte seinerseits eine Hand auf Jakes Schulter und versuchte, ihn ein wenig von Tanía fortzuziehen, doch vorerst ohne Erfolg. Jakes Adrenalinspiegel war in die Höhe geschnellt und er konnte es nachvollziehen.
Trotzdem beugte auch er sich zu seiner Tochter herab und sah ihr in die Augen. “Tanía ganz ruhig! Sag uns was geschehen ist! Was meinst du damit, dass ihr angegriffen wurdet? Was ist passiert?” Jake war die Ungeduld an der Nasenspitze anzusehen, und Tanía wusste, dass sie keine Wahl hatte, als es zu sagen. Sie atmete einmal tief ein und aus und versuchte, so ein wenig Ruhe in sich zu sammeln und die Anspannung loszuwerden. Hier war sie in Sicherheit und ihr konnte nichts mehr passieren! Doch dann wurde ihr kalt, als sie an Samara dachte. Wieder traten ihr Tränen in die Augen, doch sie hielt sich zurück. Dann räusperte sie sich und begann zu reden: “Wir, wir sind über dem Wald geflogen; das wilde Gebiet, das kaum einzusehen ist.. Es ist so schön dort, und Samara ist einige Meilen vor mir her geflogen; ich kam nicht so schnell hinterher aber…” Sie merkte, dass sie Gefahr lief, sich zu verhaspeln und so riss sie sich erneut zusammen. “Wir sind angegriffen worden; ich weiß nicht von wem, ich konnte durch die dichten Bäume nichts erkennen; aber… aber plötzlich schossen Giftpfeile von unten auf uns zu und, und… Samara….” Tanía wurde von einem erneuten Weinkrampf geschüttelt.
Jake hatte entgeistert auf Tanía gestarrt und auch Tsu´tey starrte seine Tochter an. Jemand hatte auf die Mädchen gezielt? Hier in ihrem Gebiet? Bevor Tsu´tey sich noch weitere Gedanken machen konnte, hörte er Jakes raue Stimme, als dieser sprach: “Wo ist Samara?? Was ist mit ihr? WAS IST MIT SAMARA??” Das letzte hatte er geschrieen.
Tanía sah ihn an und in ihren Augen blinzelten Tränen. “Ihr Ikran wurde getroffen; er ist auf den Boden gestürzt und Samara.. Sie ist abgestürzt… Es tut mir leid.. Ich wollte hinter ihr her, wirklich, aber die Pfeile.. Sie flogen nur so um mich herum und ich hatte Angst, dass sie mich auch treffen würden, also bin ich umgedreht.. Es tut mir leid, Vater; Jake…”
Innerhalb der ersten Sekunden war es ruhig; so ruhig, dass man nicht mal ein kleines Tier hören konnte; selbst der Wind hatte seine Geräusche eingestellt. Jake wurde es heiß und kalt gleichzeitig. Er brauchte einige Sekunden um zu begreifen, was Tanía ihnen da gerade gesagt hatte. Doch dann hatte er es begriffen. Die Mädchen waren angegriffen worden - alleine das war schon schlimm genug, denn er konnte sich nicht vorstellen, von wem - doch seine Samara war von ihrem Ikran gestürzt! In die Tiefe, in den Wald.. Und wer weiß, in wessen Hände… Jake dachte nicht mehr, er drehte sich um und wollte losrennen, doch zwei starke Hände hielten ihn auf. “Was hast du vor, Jake?” fragte Tsu´tey, mittlerweile nannte er ihn auch so, es sei denn, er war wütend auf ihn.. “Was ich vor habe? Hast du nicht gehört, was Tanía gerade gesagt hat? Meine Tochter ist angegriffen worden; sie liegt da draußen im Wald, unter Umständen verletzt; was soll ich schon vorhaben, ich will sie suchen!” Tsu´tey sah ihn an. Sein Gesicht hatte sich rot verfärbt und er schnaubte als er Jake antwortete: “Jake-Sully, ich kann deine Gefühle nachvollziehen, aber wir dürfen jetzt nicht vorschnell handeln. Wir werden sie suchen; selbstverständlich! Aber wir brauchen Verstärkung. Wir müssen unsere Krieger und Kriegerinnen zusammen rufen und gemeinsam den Bereich absuchen! Wir wissen nicht, was uns dort erwartet - WER uns dort erwartet, Jake..” Normalerweise war Jake der Vernünftigere von ihnen, doch in diesem Fall war es Tsu´tey, der eindringlich sprach.
Jake war kaum zu halten. Er verstand zwar, was sein Freund ihm sagen wollte, aber sein Herz schlug ihm bis zum Hals und seine Ungeduld war kaum auszuhalten. “Ich muss sie finden, Tsu´tey, ich muss meine Tochter finden…” “Ja, Jake, das müssen wir - und das werden wir! Aber das werden wir zusammen in die Hand nehmen. Wir werden jetzt die Krieger zusammen rufen.” Er wandte sich an seine Tochter: “Tanía, flieg zu den Frauen und ruf sie zusammen; wir müssen die Ikrans holen und dann fliegen wir alle zusammen zum Rande des Waldes. Es ist besser, wenn wir die Flugtiere dort lassen und uns zu Fuß dort umsehen. Und du wirst im Lager bleiben, Tochter!”
Tanía sagte nichts, sie nickte nur und stieg erneut auf ihren Ikran um zum Lager zurück zu fliegen und den Worten ihres Vaters Folge zu leisten. Die erste, die sie informieren musste, würde Neytiri sein, und Tanía wusste, dass diese alles weitere in die Wege leiten würde. Jake sah Tsu´tey an und sagte nichts. Aber sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Er wollte nicht warten, dennoch war ihm bewusst, dass sein Freund Recht hatte. Aber sein Herz schlug ihm bis zum Hals und er konnte es kaum abwarten, als es endlich los ging. Er, Tsu´tey und die anderen, die bei ihnen waren, rannten los um zu der Plattform zu laufen, auf der sich die Ikrans aufhielten; dort würden sie auf die Kriegerfrauen warten, die bereits von Tanía informiert worden waren. Kurze Zeit später waren sie da. Neytiri war genauso aufgelöst wie Jake und die beiden fielen sich kurz in die Arme. Doch niemand redete groß miteinander, sie riefen ihre Ikrans zu sich und machten sich auf den Weg.
Einige Zeit später waren sie am Rande des Waldes angekommen. Der Wald war tatsächlich sehr uneinsichtlich, mit großen, stattlichen Bäumen und es wäre in der Tat keine gute Idee gewesen, über ihn drüber zu fliegen. Außerdem mussten sie vorsichtig sein. Sie wiesen ihre Ikrans an, auf sie zu warten und lösten sich von ihnen, um gemeinsam in den Wald zu ziehen; Jake, Neytiri und Tsu´tey gingen vorneweg. Jakes Herz klopfte ihm bis zum Anschlag und auch Neytiri fühlte sich nicht anders. Sie hatte bereits bevor Tanía zu ihnen gekommen war, gespürt, dass etwas nicht in Ordnung war; eine innere Stimme sprach zu ihr, bevor sie es von dem Mädchen erfahren hatte. Und jetzt sagte ihr diese Stimme, dass ihre Tochter in Gefahr war. Die innere Verbindung zu ihr war gelöst und sie hatte Angst. Denn es gab nur einen Grund dafür, doch diesen wollte sie nicht akzeptieren… Jake sah sie an. Er kannte die Verbindung zwischen seiner Frau und seiner Tochter: “Sag mir, dass sie lebt; bitte!” flüsterte er und sah ihr in die Augen. Neytiri schaute weg. Sie konnte ihn nicht anlügen, doch die Wahrheit konnte sie ihm auch nicht sagen.
Die Wahrheit konnte sie sich nicht einmal selbst eingestehen… “Ich weiß es nicht, Jake…”, sagte sie schließlich, da sie seinen Blick immer noch auf sich spürte. Jake antwortete nicht. Seine Gesichtszüge verhärteten sich und er versuchte, sich wieder auf die Gegend zu konzentrieren.
Die Krieger achteten auf jedes kleine Geräusch. Sie waren gewarnt und wussten nun, dass es hier Feinde gab. Feinde, die keiner von ihnen wirklich einschätzen konnte. Noch hatten sie nichts entdeckt und auch keine Spuren gefunden, sie auf eine fremde Existenz deuteten. Sie hatten ihre Waffen gezogen und waren auf jede Eventualität eingestellt; auch auf Angriffe. Doch die Stille, die sie umfing war beinahe grauenvoller, als wenn sie tatsächlich angegriffen worden wären - und von Samara war weit und breit nichts zu sehen…
“Hier ist niemand, Jake” sagte Tsu´tey schließlich. Er war sich ziemlich sicher, dass die Feinde mittlerweile fort waren - und ihre Spuren auf professionelle Weise unkenntlich gemacht hatten. Sie konnten nicht eine einzige Spur ausmachen; auch nicht von Jakes Tochter.. “Ich gehe nicht ohne Samara!” antwortete Jake mit zusammen gepressten Zähnen. Tsu´tey antwortete ihm nicht, sondern suchte weiter. Sie waren mittlerweile immer tiefer in den Wald hinein gelaufen - und plötzlich blieb einer der Krieger stehen und zeigte auf etwas wenige Meter vor ihnen. Zuerst konnte Jake nicht erkennen, um was es sich handelte, doch dann erkannte er mit Schrecken, was es war: Neben einem dichten Baumstamm lag etwas großes, rötliches, das in sich zusammen gefaltet war, und er erkannte erst beim zweiten Blick, um was es sich handelte: Samaras Ikran.
Für Jake gab es kein Halten mehr und auch Neytiri schoss nach vorne, als sie ebenfalls begriffen hatte, was da vor ihnen lag. Sie hörten zwar Tsu´teys warnende Rufe, aber das war ihnen egal. In diesem Moment machte keiner von ihnen sich Gedanken über mögliche Gefahren. Tsu´tey und die anderen Krieger und Kriegerinnen folgten ihnen in sicherem Abstand und hielten immer noch ihre Waffen in Bereitschaft..
Jake und Neytiri waren bei dem Ikran angekommen. Sie sahen sofort, dass er tot war. Beiden schoss kurz ein Gefühl der Trauer durch den Körper, doch sie rissen sich zusammen. Es ging nicht um den Ikran. Jake sah sich gehetzt um. Er konnte Samara nirgends erkennen.. Auf der einen Seite war er erleichtert, doch dann stieg Kälte in ihm auf. Wenn sie nicht hier war, wo war sie dann?? Und dann wurde ihm plötzlich ganz kalt, als er an eine Möglichkeit dachte, die er bis dahin völlig außer acht gelassen hatte.. Er blickte Neytiri an und diese verstand. Langsam gingen sie zu dem Ikran und fassten ihn an beiden Enden - Jake an der einen und Neytiri an der anderen - und drehten ihn um. Der Boden unter ihm war blutig, doch sie sahen mit Erleichterung, dass sie nicht das vorfanden, was sie befürchtet hatten. Ihre Tochter war nicht unter dem Tier begraben.
Beide ließen den Ikran wieder fallen und setzten ihre Suche fort. Sie musste doch hier irgendwo sein! `Wenn der Ikran hier ist, dann muss sie doch in der Nähe sein!´ dachte Jake verzweifelt, und dann begann er, zu schreien: “SAMARA!!! SAMARA WO BIST DU?? ANTWORTE WENN DU MICH HÖREN KANNST!!” Tsu´tey war schneller bei ihm, als ihm lieb war: “Halt den Mund, Jake-Sully! Hast du vergessen, was hier lauern kann? Nur, weil wir nichts entdeckt haben, muss das nicht bedeuten, dass hier niemand ist! Willst du uns in die Falle laufen lassen? Bist du immer noch ein Mensch?? Nach all den Jahren??” Jake sah ihn an, in seinen Augen loderten Flammen: “Beleidige mich nicht, “Freund”! Es geht hier um meine Tochter! Und wie wir bereits festgestellt haben ist hier niemand, denn wenn, dann wären wir vermutlich schon längst tot! Diese Bastarde hatten keine Probleme damit, mein Mädchen vom Himmel zu schießen, also denke ich nicht, dass sie Skrupel hätten, uns anzugreifen. Sie sind nicht mehr hier! Und nein, ich bin kein Mensch mehr, Tsu´tey! Schon lange nicht mehr..”
Neytiri stellte sich neben Jake und sah die beiden an. Auch in ihren Augen funkelte es: “Hört auf, alle beide! Wie Jake schon sagte; es geht um Samara! Ich fühle sie nicht mehr… Das heißt, wir haben nicht mehr viel Zeit. Die, die wir noch haben, sollten wir nicht damit vergeuden, uns anzugreifen!”
Die beiden Männer sahen sich an. “Du hast recht; Es tut mir Leid, Jake.. Lasst uns den Wald weiter absuchen. Irgendwo muss sie sein!” sagte Tsu´tey schließlich und so fuhren sie mit der Suche fort.
In der Gegend, in der sie den Ikran gefunden hatten waren sie nicht von Erfolg gekrönt. Doch plötzlich stieß eine der Kriegerinnen einen Schrei aus, der ihnen bedeutete, dass sie etwas gefunden hatte. Jake schoss erneut nach vorne. Neytiri folgte ihm. Dann sah er sie. Es war eindeutig, um wen es sich handelte; vor ihm lag der Körper seiner Tochter. Um einen Baum gewickelt und unter Laub begraben, doch es war eindeutig sie. Jake und Neytiri stürzen zu ihr und dann knieten sie sich hin. Jake befreite seine Tochter vom Laub und dann sah er erst, was geschehen war. Sie war ohne Bewusstsein; ihre Atmung war flach. So wie es aussah, war sie aus der Höhe auf den Baum geprallt und mitsamt dem Ast, auf dem sie gefallen war, auf den Boden gestürzt. Der Ast lag unter ihr. Sie blutete aus mehreren Wunden, und ihr Arm war gebrochen.
Jake konnte nichts sagen. Er legte vorsichtig seine Hand unter ihren Kopf und wollte ihn sanft anheben, als er etwas warmes, nasses auf seiner Hand spürte. Jake zog sie zurück. Entgeistert starrte er auf die rote Innenfläche seiner Hand und sah, wie ein rotes Rinnsaal auf die Blätter floss. Er schloss die Augen. Das war ein Alptraum; das konnte nur ein Alptraum sein; doch der Klagelaut, der neben ihm angestimmt wurde, und eindeutig von Neytiri stammte, sagte ihm das Gegenteil. Langsam öffnete er seine Augen wieder. Samara lag immer noch vor ihm und seine Hand auf die er starrte, war immer noch rot. Rot von ihrem Blut, das aus einer Wunde an ihrem Hinterkopf floss… Jake erwachte aus seiner Lethargie. Ohne zu zögern riss er einen Teil seiner Kleidung ab und legte diese so vorsichtig er konnte um Samaras Kopf. Er musste die Blutung stillen. Dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände - nachdem er ihr Blut so gut es ging von seinen Händen gewischt hatte. “Sam... Samara… Bitte; Bitte wach auf; hörst du mich; du musst aufwachen, bitte!” “Sie hört dich nicht, Jake. Sie ist in der Dunkelheit gefangen…” flüsterte Neytiri neben ihm. Er konnte erkennen, wie verzweifelt sie war.
Jake standen Tränen in den Augen und auch Neytiri ging es nicht besser. Er küsste seiner Tochter auf die Stirn und versuchte es erneut, obwohl er wusste, dass Neytiri recht hatte. Sie würde es als erstes wissen, wenn Samara wach war. Doch das war sie nicht. Sie war in tiefer Bewusstlosigkeit und schließlich war es erneut Tsu´tey, der zu ihnen getreten war und sagte: “Wir müssen sie ins Lazarett bringen, nur die Medizinfrauen können ihr helfen - wenn es eine Möglichkeit gibt, ihr zu helfen.. Eywa wird dies entscheiden. Komm Jake, Neytiri…”
Neytiri stand sofort auf doch Jake blieb sitzen. Er hielt Samara immer noch in den Armen und die Verzweiflung war so tief, dass es sogar Tsu´tey in die Glieder fuhr. Doch schließlich war er stärker. “Komm Jake, wenn deine Tochter eine Chance haben soll, dann muss es schnell gehen. Wir werden sie in die Obhut der Medizinfrauen geben und dann werden wir Eywa bitten, ihr wieder Leben einzuhauchen. Mehr können wir nicht tun…”
Schließlich reagierte Jake. Langsam stand er auf und hob Samara hoch. Sie lag in seinen Armen wie eine Puppe; schlaff, leblos.. Er sackte beinahe selber ein, doch er riss sich zusammen. Langsam bewegte er sich vorwärts, immer einen Fuß vor den anderen setzend, und dann waren sie schließlich wieder am Rand des Waldes angekommen, wo ihre Ikrans auf sie warteten. Jake stieg auf seinen, wozu er, wenn auch äußerst ungern, Samara an Tsu´tey abgeben musste, und nahm sie dann wieder entgegen. Dann flogen sie so schnell es ging zurück in ihr Lager. Alle wussten, dass es um Samaras Leben ging. Keiner, nicht einmal Neytiri konnte sagen, ob diese den Tag, die Nacht und die darauf folgenden Tage, überleben würde. Es stand in den Sternen; und lag in Eywas Hand…

