11. Kapitel - Kampf im Rausch...
Tanía erwachte langsam aus einer tiefen Dunkelheit, in der sie gefangen gewesen war. Sie konnte sich zuerst nicht mehr daran erinnern, wo sie war, und was geschehen war; doch dann überkam sie ein Schmerz, und die Übelkeit in so einem derben Ausmaß, dass sie aufschrie und sich im gleichen Augenblick übergab.
Die anderen Mädchen, die mit ihr im gleichen Kerker saßen, schauten geschockt zu ihr herüber. Einige von ihnen waren gezeichnet, sie hatten Striemen von Peitschenhieben im Gesicht und bluteten. "Tanía, was ist mit dir?" fragte ein junges Mädchen, ebenfalls in Tanías Alter. Diese blickte auf. Sie sah die Besorgnis in den Augen der anderen. Tanía schüttelte den Kopf. Sie wusste es selber nicht, versuchte aber, sich zusammen zu reißen. Doch es fiel ihr schwer. Die Schmerzen waren grauenhaft, und sie fühlte eine Hitze in sich, die nicht zu beschreiben war. Schweiß brach aus allen ihren Poren aus - und dann begannen die Wände auf sie zuzukommen... Vor Tanías Augen tanzten Wesen, die sie noch nie gesehen hatte: Teufelwesen, die sie umrundeten, über sie herfielen... Tanía schrie.
Sie hörte ihre Leidensgenossinnen nicht, die ihren Namen riefen, und sie merkte auch nicht, dass erneut die Krieger in den Kerker eintraten, woraufhin es still wurde, und ihre Fesseln entfernten. Tanía wurde fortgeschleift - erneut in die Arena, in der der oberste Kriegsführer der Tscha´lar, genau auf diesen Augenblick gewartet hatte...
Er hatte kurz zuvor zwei Jungen zu sich bringen lassen. Es waren Jungen aus Tanías und Samaras Dorf, die aber in einem anderen Kerker festgehalten wurden. Jetzt würde es interessant werden, das ahnte er. Tanía war ihre Droge eingeflößt worden, sie war nicht mehr in der Lage, Trugbilder von Realität zu unterscheiden; jetzt würde sich zeigen, zu was sie wirklich fähig war! Wie gut sie wirklich kämpfen konnte! Ohne die verdammte Hemmschwelle, die sie bis jetzt davon abgehalten hatte.
Er gab seinen Kriegern ein Zeichen und diese stießen sowohl Tanía als auch die Jungen in den "Ring". Die Jungen starrten erstaunt bis erschocken zu Tanía herüber, denn sie erkannten sie, auch, wenn sie nicht ihre besten Freunde waren; dennoch war es für sie undenkbar, gegen sie zu kämpfen! Was sollte das?
Und selbstverständlich gingen sie davon aus, dass diese genauso denken würde. Doch Tanía war nicht mehr dazu in der Lage, zu denken. Sie sah nur noch buntes Treiben um sich herum. Bilder, die ihr den Atem nahmen: Alles drehte sich um sie herum, und als die Jungen auf sie zukamen, erkannte sie nur noch furchtbare Fratzen, die drohten sie aufzufressen... Sie grinsten sie fies an und öffneten ihr Maul - ein riesiges Maul mit spitzen, beinahe dolchartigen Zähnen... Sie schwitzte noch mehr. Die Fratzen verschwanden nicht, es wurden immer mehr, und es bildeten sich ebenfalls Fangklauen und Reißzähne, die nach ihr schnappten. Tanía wusste sich nicht mehr anders zu helfen, Sie griff nach ihrem Dolch und stach zu. Vor ihr lag einer der Jungen, der gerade versucht hatte, mit ihr zu reden und sie zu fragen was mit ihr los war - als ihre Waffe ihn durchbohrte.
Der andere Junge wich drei Schritte zurück. "Tanía", keuchte er. Er konnte nicht glauben, was er da sah. War das wirklich das Mädchen aus seinem Volk, das er kannte? Tsu´teys Tochter? Und Samaras beste Freundin? War sie das wirklich? "Tanía".. versuchte er es erneut.
Diese war immer noch nicht bei sich. Sie schwitzte Blut und Wasser, die Halluzinationen wurden nicht besser. Um sie herum war alles in helles, beinahe blendendes Gelb-Weiß getaucht. Und die nächste Fratze versuchte, sich ihr zu nähern. Dann hörte sie eine Stimme neben sich: "Enthaupte sie! Nur so kannst du dich retten - dich und deinen Stamm!" Tanía zögerte nicht lange. Sie griff nach vorne, dort wo die Fratze stand, und packte zu. Dann holte sie ihren Dolch hervor - und schnitt die Fratze in Stücke. Im gleichen Augenblick löste sich diese in Luft auf. Sie war frei!
Was Tanía nicht wusste war, dass sie dem Jungen aus ihrem Dorf die Kehle aufgeschnitten hatte. Dieser war vor ihr zusammen gesunken und eine Blutlache bedeckte den Boden - und Tanías Füße...
Der oberste Krieger der Tscha´lar lachte und lachte. Er wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die Wirkung der Droge nachließ - und er wollte, dass Tanía sah, was sie getan hatte. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Er wusste, dass sie töten konnte - sie hatte es gerade getan, und als nächstes würde sie mehr tun müssen, als "nur" zwei einfache, junge Männer ihres Dorfes zu ermorden. Nein, dieses Mädchen war für mehr bestimmt. Und er war sich sicher, dass sie genau die richtige dafür war!
Dann war es soweit. Wie vom Krieger bereits vorher gesehen, ließ die Wirkung nach. Er hatte bereits seinen untergebenen Stammeskriegern den Befehl erteilt, Tanía zu entwaffnen, solange es noch nicht der Fall war.
Und so wurde diese schließlich wach. Sie wusste nicht, wo sie war. Hatte sie sich nicht gerade noch in dem Kerker befunden? Mit den anderen gefangenen Mädchen? Da war sie nun definitiv nicht mehr! Dann bemerkte sie, dass sie erneut in der Kampfarena war - wie war sie hierher gekommen? Sie hatte keine Ahnung..
Schließlich schaute sie an sich herunter. Was sie dann sah, ließ sie erstarren. Vor ihr lag Jola´ar, ein Junge ihres Dorfes, in ihrem Alter, mit dem sie zwar nicht so wahnsinnig viel zu tun hatte, der ihr aber trotzdem nicht wirklich unsympathisch war. Und ihr wurde bewusst, dass ihm die Kehle aufgeschlitzt worden war?! Sie starrte ihn an. Sein Blut floss auf ihre Füße, jetzt konnte sie es auch spüren. Angewidert stieß sie einen Schrei aus, und fiel auf den Boden. Dann sah sie, einige Meter von ihm entfernt, einen zweiten Jungen liegen: Ja´nar! Er war ebenfalls tot - sie sah, dass er aus einer großen Wunde in der Brust blutete! Was machten die beiden hier? Was tat sie hier?
Dann hörte sie die Stimme eines Mannes, und das was er sagte, ließ sie erstarren: "Das warst du, meine Gute! Jaaa, du bist gut! Und wie gut du bist!! Besser, als ich es mir erhofft hatte - und mit der richtigen "Nachhilfe" wirst du noch besser werden! Du wirst schon sehen!"
Tanía erkannte ihn. Es war der Bastard, der sie gefangen genommen hatte, der sie schon einmal gezwungen hatte, zu kämpfen. aber da hatte sie es bewusst mitbekommen - und sie hatte sich lediglich gewehrt! Sich wehren müssen! Doch was jetzt geschehen war, konnte sie nicht sagen. "Was hast du mit mir gemacht, du Missgeburt?" fragte sie, durch die Zähne knurrend. "Nun, nicht ich habe etwas mit dir gemacht - das Harnivar hat nur das aus dir heraus geholt, was schon immer in dir drin gesteckt hat - die Todeskriegerin, MEINE Todeskriegerin! Jetzt weiß ich, dass du es wert bist, weiter behandelt zu werden. Tut es!" fügte er hinzu, und nickte seinen Untergebenen zu.
Tanía wusste erneut nicht, wie ihr geschah:
Wieder wurde sie festgehalten und ihr Kopf gewaltsam nach hinten gerissen. Und wieder flößten sie ihr diese unsagbare Flüssigkeit ein: Harnivar, wie Tanía nun wusste. Die Droge, die sie anscheinend dazu gebracht hatte, Jungen aus ihrem eigenen Dorf zu töten! Auf grauenhafte Weise..
Sie versuchte, sich aufzubäumen; probierte zuerst, das Gebräu auszuspucken, doch je mehr sie sich gebärdete, desto gröber zog der, der hinter ihr stand, ihren Kopf nach hinten. Und wieder hatte sie keine Wahl. Sie musste erneut das "Getränk" schlucken - und wieder versank sie wenige Minuten später in Dunkelheit.
Als ihr Körper schlaff wurde, ließen die Krieger von ihr ab und brachten sie erneut in den Kerker zurück. Nun wurde es Zeit, auf einen neuen Augenblick zu warten - den Augenblick, auf den es wirklich ankam, und von dem der Anführer hoffte, dass er bald kommen würde und auf den er sich mehr als alles andere freute: der Moment, an dem er Tanía mit dem Stammeshäuptling der Omaticaya kämpfen lassen würde - mit ihrem Vater!
Doch vorher mussten sie noch etwas anderes tun: Er hatte die Krieger instruiert, nicht nur Tanía wieder zurück zu bringen, sondern auch die Mädchen zu testen: Die, die ebenfalls kampffähig waren, würden noch gebraucht werden - alle anderen kamen, vorerst, zu den älteren Frauen in den gesonderten Trakt. Er bleckte sich die Zähne, als er daran dachte, was sie mit ihnen machten, seit sie hier waren. Und nun war er so weit in Erregung, dass er als nächstes in eben genau diesen Trakt ging und sich eine neue "Gespielin" holte - wenige Minuten später hallten ihre Schreie durch die Ebene, doch keiner konnte ihr helfen...

